Montag, 18. März 2019

PAD-Olympiade 2019 : Finale am Goethe-Institut Jaunde - KAMERUN

Am Freitag, dem 15.März 2019, wurde am Goethe-Institut das Finale der PAD-Olympiade veranstaltet. 22 Schüler, darunter 8 Jungen und 14 Mädchen, wurden nach Jaunde eingeladen, um am Wettbewerb teilzunehmen. Das Ziel war es, die sechs besten Schüler aus Kamerun herauszufiltern, die die Reise nach Deutschland im August antreten werden.


Teilnehmer der PAD-Olympiade


Um 8 Uhr wurden die Bewerber(innen) von Gaetan Kande herzlich empfangen. Nach dem Begrüßungswort folgte das Frühstück. Um 9 Uhr wurde den Kandidaten das Prüfungsformat vorgetragen. Sie wurden dann in zwei Hauptgruppen aufgeteilt. Während die einen sich mit der mündlichen Phase beschäftigten, machten sich die anderen an die schriftlichen Aktivitäten. Beim Schreiben ging es darum, jeden Bewerber individuell zu prüfen. Die Prüfung bestand so aus drei Teilen von je 30 Minuten, nämlich Leseverstehen, Hörverstehen und schriftlicher Produktion. Bei der mündlichen Evaluierung konnten sich die Bewerber zu zweit beraten, bevor sie ihre Arbeiten vor der Jury vortrugen. Sie hatten dafür 40 Minuten Vorbereitungszeit und dann 10 Minuten für das Referat. Von ihnen erwartete die Jury Kreativität, Originalität, Offenheit, Spontaneität und besonders Teamfähigkeit. Um 13: 40 Uhr kam die Mittagspause. Die Kandidaten nutzten diese Gelegenheit aus, um etwas Leckeres zu essen und zu trinken. Sie lernten sich auch untereinander besser kennen und tauschten ihre Eindrücke über das PAD-Finale aus. Um 15 Uhr ging es weiter mit dem Bibliotheksbesuch und einem Rundgang durch einige Abteilungen des Goethe-Instituts Kamerun. Inzwischen hatte sich der Ausschuss versammelt, um die Ergebnisse festzustellen. Um 16 Uhr kündigte Stéphane Konlack von der BKD (Bildungskooperation Deutsch) die Zeremonie zur Bekanntgabe der Resultate an. Danach ergriff André Tsafack von der deutschen Botschaft Jaunde das Wort, um die Wichtigkeit des PAD-Wettbewerbs weltweit zu präsentieren. Der PAD (Pädagogische Austauschdienst) ist eines der Programme des Auswärtigen Amtes im Schulwesen, um die deutsche Sprache und Kultur zu verbreiten und zu fördern. Neu in diesem Jahr war, dass Kamerun noch zwei zusätzliche Plätze vergeben konnte. Die Gewinner(innen) der PAD-Olympiade 2019 sind :
Die Gewinner(innen)
1-Talla Waffo, Luc Ramses (Schüler der Government Bilingual High School von Baleng)
2-Mbena Onana, Fabrice Mamert (Schüler des Gymnasiums von Zamengoé)
3-Zoukponyui , Paule Esther (Schülerin der Government Bilingual High School von Mbang)
4-Mbazoa Ngandi, Christiana Margaret (Schülerin der Government Bilingual High School von Nkongsamba)
5-Lambi Biyo, Christelle (Schülerin des Gymnasiums von Tsinga – Jaunde)
6-Anang Hamsou, Fiacre (Schüler des Gymnasiums von Guider)
Die Gewinner(innen) wurden beglückwünscht und ihnen wurden auch wichtige Hinweisen für die Sommerreise nach Deutschland gegeben. Die anderen sechzehn Teilnehmer(innen) gewannen Stipendien für ein Sommercamp in Kribi im Süden Kameruns. Stéphane Konlack hatte die Ehre, die Zeremonie abzuschließen, und zur bleibenden Erinnerung wurde ein Gruppenfoto aufgenommen.




Von William CHANTCHO, Douala – KAMERUN


Eindrücke über das Finale der PAD-Olympiade 2019 in Kamerun




„Alles war gut geplant, die Evaluierung bei der mündlichen Prüfung war auch richtig gestaltet. Die Arbeitsanweisungen waren klar und die Kandidaten waren für mich wirklich gut.“ Ambroise Thomas, Ngono (Regionalinspektor für Deutsch „Centre“)




„Ich war sehr beeindruckt von den Leistungen der Schüler während der mündlichen Prüfung. Sie waren kreativ, kommunikativ und konnten ein sehr gutes Deutsch-Niveau vorweisen. Schade, dass nicht alle nach Deutschland fliegen können. Verdient hätten sie es !“
Luise, Graw (Praktikantin BKD Goethe-Institut Kamerun)




„Dieser Test war sehr schwierig. Aber das Schreiben war leichter. Leider habe ich beim Hörverstehen nicht gut gearbeitet, weil das Tonbandgerät zu schnell lief .“
Kengne Tadjoua, Max Privat (Government Bilingual High School von Mbouda)




“Ich danke dem Goethe-Institut Kamerun für die Gelegenheit, die sie mir heute gegeben haben. Die Olympiade habe ich toll gefunden. Die Prüfer waren sehr nett und offen. Wir haben auch genug gegessen, die Speise war lecker. Es ist für mich eine große Freude, an diesem Finale teilgenommen zu haben.“
Mbazoa Ngandi, Christiana (Government Bilingual High School von Nkongsamba – Gewinnerin der PAD-Olympiade 2019)



“Für mich waren die Aufgaben nicht so schwer. Zuerst habe ich mich über den Empfang und die Gastfreundlichkeit am Goethe-Institut Jaunde sehr gefreut. Die Prüfer waren auch nett und freundlich zu uns. Es freut mich sehr, an diesem Finale 2019 teilzunehmen.“
Ngoboh Mbeukbeh, Sylvanine (Schülerin im Gymnasium von Baré)



„Am Anfang fand ich es stressig, weil ich ein bisschen Angst hatte. Trotzdem freut es mich, am Finale der PAD- Olympiade 2019 teilzunehmen. Ich habe mein Bestes getan und ich danke dem Goethe-Institut für diese Gelegenheit, meine deutschen Leistungen auf nationaler Ebene zu messen.“
Houdja Kaoudje, Josiane (Government Bilingual High School Bayelle – Bamenda)



“Der erste Teil Leseverstehen war leicht, aber das Hörverstehen war eine ganz komplexe Übung, denn die CD lief zu schnell. Das Schreiben war auch leicht und ich habe bei dem schriftlichen Ausdruck gut gearbeitet.“
Amvene, Claude Yaëlle (Government Bilingual High School Djoum)



“Ich bin Schülerin in der Klasse von 2nde bilingue und wohne in Buea. Ich habe die Prüfung leicht gefunden, aber es gab nicht genug Zeit, um sich gründlich zu überlegen. Alles ging sehr schnell und das hat mich wirklich gestresst.“
Fotso Mafo, Angela (Government High School Molyko - Buea)

Von William CHANTCHO


Dienstag, 4. Dezember 2018

Mut zur Veränderung

Luftverschmutzung, Wasserknappheit. Was kann ein Einzelner da schon tun?

Die us-amerikanischen Stiftungen haben Milliarden zur Verfügung. Aber interessieren sich doch nicht für die Probleme bei uns vor Ort. Und was soll man machen ohne staatliche Unterstützung, ohne ausländische Hilfe, ohne einen Investor?

Oumar Basse aus dem Senegal hat nicht resigniert. Wie sollte er seiner Tante helfen, die in Dakar lebt und an Asthma leidet?  Mit der Luftverschmutzung in den Millionenstädten werden selbst die reichen Länder nicht fertig, wie soll das ein kleines Entwicklungsland schaffen? Und gar ein Einzelner, ganz auf sich gestellt?

Oumar Basse hat eine Box entwickelt, die den Grad der Umweltverschmutzung vor Ort misst und auf dem Smartphone sichtbar macht und passend zur jeweiligen Verschmutzungssituation Gesundheitsempfehlungen für Risikogruppen ausgibt. Die Box heißt jetzt NanoAir Box.

mehr dazu:
Wir sind Helden: Der Gründer, ZEIT online (deutsch), eine ausführliche Darstellung mehrerer junger Menschen mit Mut zur Veränderung und der Geschichte, wie Oumar Basse zu seinen Erfindungen kam
Decent Jobs for Youth (pdf, englisch), eine Broschüre über eine Tagung für junge Unternehmer in Dakar, Senegal, in der viele Unternehmer vorgestellt werden
Test von Nano air (englisch)
NanoAir Box (fanzösisch)
Eine andere Erfindung von Oumar Basse: Widim Pompe (französisch) 



Sonntag, 28. Oktober 2018

Achille Mbembe über seine "Ethik des Passanten"

ACHILLE MBEMBE Der Politologe aus Kamerun lehrt an der Universität Witwatersrand in Johannesburg, Südafrika.
"Ich denke über zweierlei nach: Bewegung und Begrenzung. Wer oder was kann sich in der heutigen Welt bewegen? Mich beschäftigt, wie Menschen mobil sind und an welche Grenzen sie mit ihrer Mobilität stoßen. [...] Ich sehe uns Menschen als Passanten, wir leben in Passagen. Wir sind unterwegs als Gäste auf Erden. Aus diesen Gedanken möchte ich eine "Ethik des Passanten" entwickeln. Ich habe dabei auch ein politisches Ziel vor Augen: eine Welt, in der nicht nur wenige, sondern wir alle uns frei bewegen können und die fortbesteht. [...]   Eine Erde mit ungleicher Bewegungsfreiheit ihrer Bürger ist seit Kant meines Erachtens nicht denkbar. Auf diesen Ideen beruht nicht nur eine gute Einwanderungspolitik, sondern auch der Schutz, den wir Flüchtlingen gewähren. [...]
Im politischen Sinne bringt das die Frage mit sich, wer in der heutigen Welt das Recht hat, sich frei über Grenzen zu bewegen, während andere an ihrem Ort bleiben müssen. Wie kommt es, dass manche Bewohner der Erde meinen, sie könnten andere zurückweisen? Bleiben zu müssen bringt für viele ein tödliches Risiko mit sich. In Afrika bedeuten Grenzen in besonderer Weise auch Endlichkeit: Wie kann es sein, dass wir Afrika zu einem Gefängnis machen, aus dem man nur unter Lebensgefahr ausbrechen kann und in dem auch die inneren Grenzen zwischen den Staaten hochgezogen werden, während Europäer und andere Menschen aus den mächtigen Staaten weltweite Reisefreiheit haben?
Im ökologischen Sinne fasse ich die Vergänglichkeit , das Vorübergehende als universelle Eigenschaft alles Lebendigen im weitesten Sinne auf: Alles Lebendige ist verletzlich und sterblich. Die Spezies Mensch zerstört die Lebenschancen ihrer nicht menschlichen Mitbewohner. Das Lebendige stößt durch uns Menschen an Grenzen. Aber die ökologischen Risiken zeigen uns noch auf eine weitere Weise, was Grenzen sind: Sie überschreiten die Grenzen des Nationalstaats, sie wandern überall ein. Und sie verlangen deshalb nach unserem Handeln als Menschheit: Eine universelle Politik des Reparierens und der Pflege wäre die Antwort auf die Zerstörung des Lebendigen.
Ich möchte mit meiner "Ethik des Passanten" das Denken in Gegensätzen durch ein Denken in Beziehungen ersetzen. Wir sollten nach den Fähigkeiten suchen, die das Existierende in etwas Neues, Unbekanntes verwandeln können. In der afrikanischen Kosmologie hat die Idee der Beziehung große Bedeutung: Im vollen Sinne ein Mensch wird man erst, wenn die Beziehung zum Anderen einen verwandelt. [...]"
(Achille Mbembe  aufgezeichnet von Elisabeth von Thadden in ZEIT vom 25.10. 44/2018)

Sieh auch: Mbembe zu seiner "Kritik der schwarzen Vernunft"

Sonntag, 16. September 2018

Frauen glänzen nicht nur mit Schönheit

Laureen Gambino berichtet im Guardian von einem afrikanischen Wettbewerb, in dem sich Mädchen und Frauen von 13 bis 25 Jahren durch brillanten Einsatz von IT-Kenntnissen für Gemeinschaftsprojekte hervortun können.
Die Siegerin bekommt finanzielle Unterstützung für die Realisierung ihres Projekts.

mehr dazu:
The Guardian 28.5.2018

Miss Geek Africa (englische Wikipedia)

Mittwoch, 15. August 2018

Jean-Marc Ela - ein kamerunischer Befreiungstheologe

"Jean-Marc Ela wurde in Ebolowa im Süden Kameruns geboren. Seine Eltern waren Kleinbauern, die Kakao anbauten [...] Von 1971 an war Ela über zehn Jahre lang als Missionar unter verarmten Angehörigen der Kirdi im Norden Kameruns tätig. Diese Tätigkeit beeinflusste stark die Entwicklung und Ausarbeitung seiner afrozentrischen Befreiungstheologie. Später lehrte Ela an der protestantisch-theologischen Fakultät der Universität Yaoundé und wurde dort 1985 Professor für Soziologie. [...] Anfang der 1990er Jahre feierte er regelmäßig die Messe in einer Pfarrgemeinde in Yaoundé und hielt sozialkritische Predigten, die insbesondere unter Studierenden beliebt waren. Er veröffentlichte Zeitungsartikel, in denen er die Demokratisierung des politischen Systems forderte." (Wikipedia: Jean-Marc Ela)
In seinem Buch "Gott befreit" (2003) argumentiert er, die Wirtschaft müsse wieder in den Dienst des Lebens gestellt werden und "an der Entwicklung einer Alternative zu dieser der Menschheit aufgezwungenen Anti-Solidaritäts-Zivilisation" mitwirken. (zitiert nach:  Ulrich Duchrow: Gieriges Geld. Auswege aus der Kapitalismusfalle – Befreiungstheologische Perspektiven, 2013, S. 153)

Montag, 6. August 2018

Nachruf auf Herrn TCHAPTCHIE Emmanuel, den ehemaligen Nationalinspektor für Deutsch in Kamerun


Am Samstag, dem 4. August 2018, fand die Trauerfeier für Herrn TCHAPTCHIE Emmanuel, Deutschlehrer und ehemaliger Nationalinspektor für Deutsch am kamerunischen Erziehungsministerium, statt. 

Dieser berühmte Deutschlehrer, der eine Vielzahl von Personen unterschiedlicher Berufe, insbesondere Lehrer und Anwälte, ausgebildet hat, ist am 21. Juli 2018 in Yaoundé nach kurzer Krankheit verstorben.
Die Trauerfeierlichkeiten begannen am 2. August mit der Überführung seiner sterblichen Überreste vom Zentralspital von Yaoundé. Dem folgte die kirchliche Bestattung am Samstag, dem 4. August, in seinem Heimatdorf “Bamena” im Westen Kameruns.

Aus verschiedenen Zeugnissen geht hervor, dass Herr TCHAPTCHIE ein begabter, engagierter, kompetenter, bescheidener und gastfreundlicher Mann war. 
Noch kurz vor seinem Tode sagte er lachend und hoffnungsvoll dem Arzt von seinem Krankenbett aus: “Herr Doktor, wie sieht die genaue Situation meiner Gesundheit aus? Die einzige Schuld, deren ich mir bewusst bin, ist meine Armut."

Dieser hochrangige Deutschlehrer, der die harte Arbeit in den Mittelpunkt seines Lebens stellte, hat uns - seinen ehemaligen Schülern - den deutschen Keim eingeimpft. Er hat immer betont, dass das Leben denjenigen gehört, die früh aufstehen und kämpfen.
“Grand Prof", wie wir ihn immer nennen, möge deine Seele in vollkommenem Frieden ruhen!
Von William CHANTCHO, Douala - KAMERUN

Mittwoch, 4. Juli 2018

Afrikas Sprachdebatte braucht ein Update

 Eine «Dekolonisierung des Denkens» forderte Ngugi wa Thiong’o 1986. Nun liegt der Text auf Deutsch vor – aber ist er noch aktuell?

Die Denker des subsaharischen Afrika kämpfen seit Jahrzehnten gegen dieVerinnerlichung des intellektuellen Rassismus und Kolonialismus. Es gelte, sich endlich vom fortdauernden «Fluch des Ham» zu befreien, forderte der kongolesische Literaturwissenschafter Alain Mabanckou bei seiner Antrittsrede am Collège de France im März 2016. Im Widerstand gegen die kulturelle Vereinnahmung während der Kolonialzeit besang die Négritude-Dichtung die Schönheit der afrikanischen Kulturen. Ihr Wortführer Léopold Sédar Senghor forderte «afrikanische Anwesenheit» (daher auch der Name des 1947 gegründeten Pariser Verlagshauses Présence Africaine). «Lasst uns ‹hier!› rufen, wenn die Welt wiedergeboren wird», schrieb Senghor im «Gebet an die Masken», als die behauptete moralische Überlegenheit der Europäer gerade auf den Schlachtfeldern verblutet und in den Lagern ermordet worden war. Aber nicht alle afrikanischen Literaturschaffenden teilten die Ideen der Négritude. «Ein Tiger verkündet nicht seine Tigritude – er springt», sagte Wole Soyinka 1962 auf einer Konferenz in Kampala, der Hauptstadt des gerade un abhängig gewordenen Uganda.

Sprache färbt das Denken 
Zu den Unabhängigkeitsfeiern war auch das Theaterstück «The Black Hermit» von James Ngugi aufgeführt worden, einem kenyanischen Studenten der Makerere-Universität. Er sah die Hauptprobleme in Analphabetentum, Stammeswesen und Religion. Ngugiwa Thiong’o, wie er sich seit 1970 entsprechend der Familientradition nennt, schrieb vier Romane auf Englisch, bis er erkannte, dass die Sprache Teil des kolonialen Denkens ist – nicht nur, weil sie ein europäisches oder europäisch gebildetes Publikum anspricht, sondern weil sie zwangsläufig die Inhalte verfremdet. Auch wenn Autoren afrikanische Sprachbilder, Sprichwörter und Rhythmen benutzten, wie etwa Chinua Achebe im Englischen und Ahmadou Kourouma im Französischen, führe das wohl zu einer Bereicherung dieser Sprachen, nicht aber zur Afrikanisierung des Denkens. Die Sprachendebatte tobte heftig in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. 1986 wurde der erste – und bisher einzige – Literaturnobelpreis an einen schwarzafrikanischen Autor vergeben, den Nigerianer Wole Soyinka. Er hätte ihn nie bekommen, wenn er in seiner Muttersprache Yoruba geschrieben hätte, sagte man in Afrika; mit seinem Englisch habe er sich den Europäern angebiedert.
Im selben Jahr er schien «Decolonizing the Mind» von Ngugi wa Thiong’o, das jetzt endlich ins Deutsche übersetzt wurde. Dabei entspricht der Untertitel «Essays über afri kanische Sprachen in der Literatur» nicht dem Original: «The Politics of Language in African Literature». Es geht jedoch im Buch weniger um afrikanische als vor allem um europäische Sprachen in Erziehung, Kultur und Literatur Afrikas. Ngugis Schrift ist eine harte Auseinandersetzung mit dem postkolonialen Imperialismus, in dem die Sprache weiterhin als Herrschaftsinstrument fungiert. Dass auf «Schwert und Gewehr kugel (. . .) Kreide und Schultafel» folgten, ist eine Beschreibung der Kolonialisierung, die ja nicht nur physische, sondern auch geistige Inbesitznahme war. Die afrikanischen Sprachen wurden zu «Buschsprachen» degradiert, die höchstens als Studienobjekte der Ethnologen Bestand hatten.
 Die Machthaber spielen mit
Warum aber haben die unabhängigen afrikanischen Nationen dann nicht die Kreide zum Schreiben ihrer Landessprachen eingesetzt? Warum sind die afrikanischen Schriftsteller hier nicht voran gegangen? Ngugi wa Thiong’o sieht in seinem Essay die Hauptschuld in den neokolonialen Staatsführungen. Das ist sicher auch heute noch richtig,wenn man bedenkt, dass sie Schulbücher lieber als Geschenke der ehemaligen Kolonialherren annehmen, als sich um einheimische Produktion zu kümmern. Dabei gibt es ja eine umfangreiche Literatur in afrikanischen Sprachen, insbesondere in Swahili, der Lingua franca Ostafrikas; aber sie wird kaum übersetzt und deshalb weltweit nicht wahrgenommen. Dass Autoren eine grössere Verbreitung ihrer Werke durch die Verwendung europäischer Sprachen anstreben, kann man ihnen nicht verübeln. Und wer in Afrika lesen kann, liest meist auch Eng lisch bzw.Französisch oder Portugiesisch. Aus heutiger Sicht ist weniger die Verwendung dieser Sprachen der Skandal als vielmehr die Tatsache, dass es kaum Verlagshäuser in Afrika gibt und dass Transport und Zölle aus Übersee importierte Bücher unerschwinglich machen. Hier bietet sich das Internet zur Überwindung räumlicher und sprachlicher Grenzen an; dabei ist interessant zu beobachten, wie locker afrikanische Blogger zwischen den Sprachen hin und her wechseln und wie kreativ sie mit Orthographie und Grammatik umgehen. «Dekolonisierung des Denkens» ist zweifellos ein historischer Grundlagen text,wird aber der heutigen Wirklichkeit nicht mehr gerecht. Von einer «Zerstörung der afrikanischen Kulturen» durch die Bevorzugung europäischer Sprachen kann so allgemein nicht die Rede sein, allenfalls davon, dass auch heutzutage gesellschaftlicher Aufstieg und inter nationales Ansehen mit der Verwendung europäischer Sprachen einhergehen.

Aus heutiger Sicht 
Die Herausgeberinnen haben fünf Texte international bekannter Autorinnen und Autoren angehängt, die den Essay kommentieren. Der interessanteste Beitrag stammt von Ngugis Sohn Mukoma wa Ngugi. Er knüpft an die Familiengeschichte an, zeigt aber auch realistische Optionen zum Umgang mit dem Problem auf, etwa mit dem Hinweis auf das Online Magazin «Jalada», das Schreiben und Übersetzen in afrikanischen Sprachen in einer internationalen Community betreibt. Auch Boubacar Boris Diop aus Senegal kümmert sich um Übersetzungen in afrikanische Sprachen. Der Kameruner Achille Mbembe beschreibt die Gebrochenheit der postkolonialen Welt. Petina Gappah aus Simbabwe schildert die Praxis des Schreibens in Englisch und Shona. Ganz anders sieht es in Südafrika aus: Sonwabiso Ngcowa, 1984 geboren, erinnert sich nicht mehr an die Zeiten, als «Bantu- Erziehung» ein Mittel war, die farbige Bevölkerung von der Teilhabe an der modernen Welt auszuschließen. Er sieht in der Dominanz des Englischen den Fortbestand weißer Vorherrschaft und fordert eine «Sprachrevolution», um das Sterben der südafrikanischen Sprachen zu verhindern. Erstaunlicherweise ist nirgendwo die Rede vom Vorteil der Mehrsprachigkeit, der in der Befähigung zum Agieren in der globalisierten Welt besteht. Die behauptete Glottophagie findet, wenn überhaupt, auf politischer Ebene statt, etwa wenn,wie unlängst in Kamerun, ein Konflikt zwischen «Anglofonen» und «Frankofonen» aufflammt: Tribalismus als koloniale Restmasse. Die afrikanischen Sprachen sind höchst lebendig und inzwischen auch weitgehend verschriftlicht. Es ist in der Tat Zeit für die «Dekolonisierung des Denkens» und die Übernahme kultureller Eigenverantwortung in den afrikanischen Gesellschaften.

 Ngugi wa Thiong’o: Dekolonisierung des Denkens. Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. Unrast-Verlag, Münster 2017. 272 S. 

ALMUT SEILER-DIETRICH