Wir gingen aus von der Mehrsprachigkeit, davon, wie gut es ist, wenn man in einem Land wie Kamerun, in dem über 200 Sprachen gesprochen werden, neben seiner Muttersprache auch die Verkehrssprache beherrscht, über man sich mit denen verständigt, die mit einer anderen Muttersprache aufgewachsen sind. Hinzu kommt die allgemeinere Überlegung, dass Mehrsprachigkeit zu größerer Empathie führt, weil man mit der anderen Sprache eine andere Weltsicht lernt und sich beim Wechseln der Sprachen darin übt, schnell von einer Sicht in eine andere umzudenken.
Doch es gibt auch eine andere Sicht auf Mehrsprachigkeit: Nämlich, je mehr Sprachen zur Verfügung stehen, sich mit anderen zu verständigen (Verkehrssprache, Amtssprache, Weltsprache, Plansprache und leichte Übersetzungsmöglichkeit aufgrund von KI), desto weniger Anlass gibt es, an einer Sprache festzuhalten, die einem nur den Kontakt mit relativ wenigen Sprechern erlaubt. Jede neue Generation, die andere Sprachen lernt, pflegt die alte Sprache weniger. Mit den Sprechern stirbt die Sprache.
Allerdings gibt es Ausnahmen wie z.: die Sprachen der Religionen, die zwar nicht mehr so lebendig sind wie ständig gesprochene, aber - wie im Falle des Lateins - fortlaufend von einer großen Zahl von Schreibern sich über die Jahrhunderte fortentwickeln als Kirchenlatein, dessen Grammatik sich stark veränderte, und - auch wenn es weit seltener als zuvor geschrieben wurde - als Sprache der Amtskirche des Vatikans eine Fülle von Neologismen aufnahm. Insofern gibt es Abstufungen der Lebendigkeit.
Die Sprache stirbt freilich nur, wenn sie nicht - wie jede quicklebendige Sprache - weiter vererbt wird. Heute gibt es freilich viel mehr Gründe, vorhandene Sprachen aufzugeben (und nicht zu vererben als bei früheren in sich geschlossenen Sprachgemeinschaften wie in einsamen Tälern, auf (Sprach-)Inseln und im Urwald.
Der häufigste Grund wird sein, dass neben der zu vererbenden Sprache bereits eine andere beherrscht wird, die von einer größeren Zahl von Sprechern als Erst- oder Zweitsprache gesprochen wird.
Eine ZEIT-Autorin berichtet darüber, dass sie versucht, ihrem Sohn ihre und seine Muttersprache beizubringen, und dass er immer wieder abblockt mit: "Rede richtig mit mir!" Erst als sie mit ihm in eine Eltern-Kind-Gruppe mit polnischen Eltern geht, entwickelt er sein Polnisch.
Das passt zu unserer Erfahrung. Als wir mit unserer einjährigen Tochter nach England gingen, verzögerte sich ihre Sprachentwicklung. Es blieb bei Zwei-Wort-Sätzen. Nach einem rund 14-tägigen Urlaub in Deutschland hatte sie aber so gut wie alles aufgeholt. Uns schien, dass sie vorher keinen rechten Sinn im Deutschsprechen gesehen hatte, weil die Umwelt durchweg Englisch sprach.
Unser Sohn, der als Dreijähriger nach England kam, reagierte etwas anders. Er begann mit bedeutungsfreien Silben zu spielen, die er uns als Sprache seines Stofftieres vorstellte. Nach meinem Verständnis war das seine Reaktion darauf, dass ihm die Umwelt Texte lieferte, denen er mit deutschen Vokabular keinen Sinn entnehmen konnte. (Später hat er dann von sinnfreien Silben wieder Abstand genommen und die Sprache seines Stofftieres nach festen Regeln umgestaltet, so dass man erkennen konnte, ob die Ausgangssprache der Umformung Deutsch oder Englisch war. Als er dann älter wurde, hat er für uns Erwachsene die Grundsätze der Sprachumformung schriftlich festgenalten.)
Eine Maßnahme zur Verbreitung von Sprachen über Schrift stellt die Wikipedia mit inzwischen über 300 Sprachsektionen dar. Aufgrund des leichteren Zugangs zu Übersetzungen ist die Versuchung, Mehrsprachigkeit aufzugeben, gestiegen. Das wird vermutlich das Sprachensterben sehr verstärken. Doch ist zu hoffen, dass aufgrund der Erfahrung (und technischen Erleichterung) bei der Übertragung von Sprachen ins Internet das Ärgste noch verhütet werden kann.
Einiges wird auch jetzt schon getan:
"Mitten in Berlin, nahe dem Gendarmenmarkt, liegt eine moderne Version der Arche Noah. Kein gewaltiges Schiff, wie es die Original-Arche der biblischen Legende nach gewesen sein soll, die Funktion aber ist die gleiche: Sie bewahrt. Nicht Menschen und Tiere, sondern Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind.#
Das Endangered Languages Archive (ELAR), so heißt diese moderne Arche, findet sich im vierten Stock der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Es ist das wohl größte digitale Archiv bedrohter Sprachen: Über 770 Sprachen aus über 90 verschiedenen Ländern werden hier vor dem Vergessen geschützt. Sei es Makaguaje aus Kolumbien mit nur noch einer Sprecherin oder Malak-Malak aus Nordwestaustralien, das noch acht Menschen sprechen.
Gespeichert sind Videos und Audioaufnahmen von Gesängen, Ritualen, Alltagsgesprächen, aber auch davon, wie ein Boot gebaut oder ein Dach mit Palmwedeln gedeckt wird. Grammatiken und Wörterbücher umfasst das Archiv ebenfalls, erstellt und gesammelt von Sprachforschern aus Südamerika, Afrika oder Australien. Manche stammen von den indigenen Sprechergemeinschaften selbst." (ZEIT 19.2.2026)