Achebe
hat schon 1958 auf einen auffallenden Unterschied in afrikanischen
Gesellschaften vor der Besetzung durch Kolonialherren aufmerksam
gemacht. Im 14. Kapitel seines Romans "Things fall apart"
stellt Uchendu die Frage: "Weshalb wohl bringen wir
eine tote Frau zurück in ihr Dorf, dass sie bei
ihren Verwandten begraben
wird und nicht
bei den Verwandten ihres Mannes? Warum?"
Als
keiner ihm antworten kann, gibt er die Antwort:
„Es
ist wahr, dass ein Kind seinem Vater gehört. Wenn aber der Vater das
Kind schlägt, läuft es zu seiner Mutter. Ein Mann gehört in
das Land des Vaters, wenn
alles gut geht und es süß ist, zu leben. Wenn
aber Sorge und Bitternis kommen, ist das Land der Mutter seine
Zuflucht. Die Mutter ist dort begraben und wird ihn beschützen. Und
deshalb sagen wir, dass wir Mutter das Haupt ist."
Eine
ähnliche Frage stellt sich heute:
Warum
sind es, wenn es gut läuft, immer dieselben Namen, die man hört und
die auftauchen: Atangana, Ondoa, Mbarga, Amougou, Mvondo, Akame
… wie ein Refrain, den man auswendig kennt? Sobald es um
Ernennungen, Beförderungen oder Belohnungen geht, wählt der Zufall
oder vielleicht doch die unsichtbare Hand des Systems, immer aus
demselben Korb. Aber wenn es um Sanktionen, Verweise oder
Ausgrenzungen geht, dann wird das Land plötzlich "gerecht". Jeder
hat ein Recht auf seinen Teil der Demütigung, insbesondere
diejenigen, die die richtigen Namen nicht tragen,
diejenigen, die die richtigen "Paten" nicht haben.
Was ist das also für ein Land, in dem die Kompetenz durch
Zugehörigkeit gemessen wird, in dem das Verdienst in den Fluren
verhandelt wird und in dem die Loyalität gegenüber dem Vaterland
weniger Wert hat als die Loyalität gegenüber einer Ethnie ?
Hier muss ein Beamter oder ein aus der niedrigen Schicht stammender
Angestellter, der seine ganze Jugend dem Staat gewidmet hat, noch um
sein Rentengeld betteln und oft wird ihm ins Ohr geflüstert :
"Bring 50% , wenn du willst, dass dein Antrag
vorankommt!". 50 % wovon? Von seiner Würde, von seinen
harten Dienstjahren. Was für ein Unsinn! ...
Ein
Land, in dem man, um zu bekommen, was einem zusteht, wo es keine
soziale, rechtliche und medizinische Fürsorge gibt, noch den Preis
der Ungerechtigkeiten zahlen muss. Währenddessen fahren diejenigen,
die nie die Mühe des Feldes mitgefühlt, miterlebt haben, in
Luxusautos, die auf dem Rücken der Bescheidenen gekauft wurden.
Diejenigen, die nie unter der Sonne der öffentlichen Verwaltung
geschwitzt haben, treffen die Entscheidungen für diejenigen, die
alles gegeben haben. Und die wahren Erbauer des Landes, sie sterben
in Vergessenheit, in totaler Gleichgültigkeit.
Ja,
nichts funktioniert normalerweise in diesem Land, weil man den Sinn
und das Zugehörigkeitsgefühl zum Staat gegen den zum Clan
eingetauscht hat. Weil man den öffentlichen Dienst mit dem Dienst
für Freunde und feste Bekannte verwechselt hat. Weil man die Justiz
in gut organisierte Ungerechtigkeit verwandelt hat. Aber ein Land
kann nicht auf Ungleichgewicht und Ausgrenzung aufgebaut werden. Der
Tag, an dem die Kameruner verstehen werden, dass die Nation wichtiger
als ein Stamm, heiliger als ein Name ist, an diesem Tag wird das
Verdienst an die Stelle von Begünstigung und Nepotismus treten, die
Gerechtigkeit an die Stelle der Angst und die Würde zur Norm werden.
Im
Augenblick gehen wir allmählich in die Dunkelheit, ins Chaos, aber
die Wahrheit kommt zwar langsam voran, aber sie fällt nie aus. Eines
Tages wird sie an die Tür derjenigen klopfen, die glaubten, ihre
Macht sei ewig.
Loulou