Was ist geschehen?
Artikel der deutschen Wikipedia (mit Hintergründen, Reaktionen und Ausblick)
Wie ist die nationale und internationale Reaktion?
Hält Merkel dem Druck stand?
Wie soll es weitergehen?
Angst vor Flüchtlingen
Keine Panik!
Gegen Terror hilft kein Gegenterror
Wie kann Integration der Flüchtlinge gelingen?
Probleme bei der Integration und Möglichkeiten zu ihrer Bewältigung
Wie wird man mutig und furchtlos in diesen Zeiten?
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Freitag, 23. Dezember 2016
Freitag, 22. Mai 2015
Wo sollte ausgestellt werden? In Berlin oder in Kamerun?
In "Humboldt-Forum", einem Magazin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, berichten die italienische Ethnologin Paola Ivanov
und der US-Amerikaner Jonathan Fine in einem Interview (S.22-24)darüber, wie sie die Ausstellung zu Afrika, wie sie ab 2019 im Humboldt Forum zu sehen sein wird, planen. (PI = Paola Ivanov; JF = Jonathan Fine)
[Broschüre zum Humboldt-Forum (pdf)]
Paola Ivanov: Wir
erzählen gleich die richtige Geschichte!
Europa ist einfach nebensächlich. Wir
blicken von Afrika aus. Ein Beispiel
dieser Verflechtungen ist der Indische
Ozean als frühe globalisierte Welt, die
auch die Küste Ostafrikas einschloss. Die
Anrainer des Indischen Ozeans bildeten
schon ab etwa 900/1000 n. Chr. ein Austauschnetzwerk
von Ideen, Menschen und Gütern. Da
verfolge ich dezidiert einen
südlichen Blick. Die Europäer sind die
Eindringlinge, die Fremden. Der Handel
erfolgte weitgehend friedlich - und dann
kamen die Portugiesen mit Waffen.
Haben
Sie für diesen südlichen Blick auch
mit anderen Kuratoren zusammengearbeitet?
pl
Was den Indischen Ozean angeht, hat sich die Forschung ab den
1980er-Jahren entwickelt. Und das war
nie eine eurozentrische Forschung.
Einer ihrer Begründer, AbdulSheriff, mit dem ich mich viel ausgetauscht
habe, kommt zum Beispiel aus Sansibar.
Sie
stellen auch den prächtigen Perlenthron des Herrschers von
Bamum aus. Was kann man von
diesem Objekt über das
Verhältnis zu den deutschen Kolonialbesatzern
erfahren?
Jonathan Fine: Der Thron wurde von dem Vater des Bamum-Königs
Njoya hergestellt, um Macht und Reichtum
des Königreichs zu zeigen. Als die Deutschen dann kamen...
...
die Kamerun von 1884 bis 1918 besetzt
haben ...
JF...
wurden sie von den Bamum-Leuten als
Bedrohung wahrgenommen. Die Deutschen
wollten den Thron haben. Der König hat
verhandelt, und dann hat er ihn den
Deutschen tatsächlich geschenkt. Aber
so ein Geschenk ist nie etwas, was man
nur aus reiner Freude macht...
pl...
sondern eine Gabe, die verpflichtet. Sagt Marcel Mauss.
JF
Dieser Thron ist eine Gabe in diesem Sinne
gewesen. Der König wollte eine politische Allianz mit Deutschland
eingehen. Er wollte sich vielleicht
dem Deutschen Reich wie einem
Fürstenbund
anschließen. Aber die
Deutschen haben die Verpflichtung nicht verstanden - oder sie nicht
verstehen wollen.
Sie
haben Njoya ein empfindliches
Musikinstrument* geschenkt, das
schnell kaputtgegangen ist. Der
König war tief enttäuscht.
pl
Da sieht man die Arroganz der Europäer! Gaben tauscht man auf
gleicher Ebene aus. Kaiser Wilhelm II.
hat den Regenten von
Bamum aber nicht als gleichberechtigt
anerkannt. Das war ja ein Novum, dass
völlig verrückte Europäer kamen und
sagten: Alles gehört uns, das Land, die Wälder, die Ressourcen -
alles.
Wie
gehen Sie generell mit dem Thema Kolonialismus um? Mit dem
Maji-Maji-Krieg, bei dem sich
eine breite Allianz in
Deutsch-Ostafrika gegen die
repressive Besatzung erhob? Oder mit
dem Kolonialkrieg zwischen den deutschen
Truppen und den Völkern der
Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika,
der als Massenmord endete?
pl
Ein Schwerpunkt ist die gläserne Studiensammlung,
in der die Sammlungsgeschichte
thematisiert wird. Wir haben in der
Afrika-Sammlung des Museums etwa 75.000
Objekte. Zwei Drittel davon kamen
während der Kolonialzeit, nicht nur aus
den deutschen Kolonien übrigens. Wir
zeigen, wie die Sammlung im Zuge der
Kolonialeroberung entstanden ist. Andererseits
zeigen wir auch, was alles nicht
gesammelt wurde: Europäische Kleidung
oder aus Indien importierte Stoffe zum
Beispiel, die in Afrika schon lange und
verstärkt im 19. Jahrhundert verwendet
wurden. Stattdessen haben die
Sammler
nach Baststoffen gesucht, weil die
angeblich traditioneller waren. Nur hat
damals niemand mehr Bast getragen! Es wurde also nicht die
Wirklichkeit Afrikas gesammelt,
sondern nur eine
europäische
Vorstellung von Afrika. Aber natürlich
zeigen wir auch die militärische Gewalt
und die brutale Unterdrückung.
JFDer
Kolonialismus wird in jedem Modul
thematisiert. Wir wollen nichts vertuschen oder verharmlosen.
Pl
Benin zum Beispiel: Alle sehr schönen, sehr
wertvollen Bronzen kamen im Zuge der
Zerstörung der Hauptstadt Benins durch
die britischen Truppen nach Europa.
Wie die Bronzen dann in Berlin gelandet
sind - das wird in der von Peter Junge kuratierten
Ausstellung auch erzählt.
Fordert
der König von Benin nun diese Bronzereliefs
zurück?
pI Es gab 2007/8 eine große internationale
Ausstellung zu Benin, und im Katalog dazu
hatte der König von Benin in einem Beitrag
geschrieben, dass er einige Objekte
gern zurückhaben würde. Aber es gab
keine offizielle Rückforderung. Auch der
nigerianische Staat hat keine gestellt.
Der
juristische Aspekt ist das eine: Wurde
etwas rechtmäßig erworben, wurde
es gestohlen? Aber daneben existiert eine große moralische
Grauzone: Waren die
Besatzungsumstände, unter denen das Objekt erworben wurde,
vielleicht so, dass
sie zu einer Rückgabe
verpflichten?
JF
Wir recherchieren in all diesen Fällen die
Umstände, und die Perspektiven der beteiligten
Personen und Institutionen fließen in
die Entscheidung mit ein.
Ich möchte
den Blick noch einmal auf die
Kritik am Humboldt-Forum richten:
Objekte, die größtenteils während der Kolonialzeit nach Berlin
gelangten und nun in einem
wiederaufgebauten Schloss
präsentiert werden - das halten
einige für eine neokoloniale
Geste. Diese Kritiker sehen das Humboldt-Forum
quasi als eine Art Superzeichen der Restauration. Können
Sie dieses Urteil nachvollziehen?
JF
Eine solche Einschätzung beruht meiner
Meinung nach auf einem Missverständnis.
Es gibt tatsächlich Museen, die Objekte
aus der Kolonialzeit unkritisch
präsentieren, sodass sich auf gewisse
Weise der kolonialistische Blick bis
heute fortsetzt - genau das wollen und werden wir nicht tun. Und zu
sagen, alles soll geräumt und
zurückgegeben werden, ist auch
keine Lösung. Denn das hieße, die
Geschichte wegzuwischen. Für mich wäre dieses Wegwischen
eine sehr gefährliche Geste. Wir wollen stattdessen die Chance für
eine kritische und auch selbstkritische Ausstellung nutzen.
Pl
Uns ist wichtig, dass die Sammlungen in
die Stadtmitte kommen, wo sie eine breitere
Rezeption erfahren können, die ihrem
sehr, sehr hohen Wert entspricht. Was die Provenienz angeht: Wir
erforschen die Herkunft aller
Objekte, die im Humboldt-Forum
ausgestellt werden. Das ist manchmal sehr schwierig, aber es wird
nichts verschleiert. Wir wollen einen Perspektivenwechsel betreiben,
weg von der eurozentrischen
Perspektive. Nun, falls einige das
Schloss noch mit der alten Vorstellung
vom Westen und den „anderen", von
the west and the
rest verbinden, dann dekonstruieren
wir diese Vorstellung. Wir hoffen,
dieses Bild auflösen zu können, um
stattdessen die Vorstellung von einer einzigen Welt
wiederherzustellen. Denn das ist, worum
es uns geht."
Dazu auch:
KOLONIALISMUS:Wem gehören die Masken? ZEIT online, 6.6.15
"Das Ethnologische Museum in Berlin, eines der kostbarsten seiner Art, verdankt seinen Bestand in weiten Teilen der kolonialen Gier. Nun soll die Sammlung ins neu erbaute Stadtschloss umziehen. Viele sind darüber alarmiert, und die Frage nach altem Unrecht stellt sich neu."
*Die Wikipedia spricht von einer Kürassieruniform.
Links und Hervorhebungen in den Antworten stammen von Walter Böhme)
Freitag, 18. Juni 2010
Typisch die Deutschen! - Erfahrungen in Deutschland
So viele Nationalitäten hier!
So war mein erster Eindruck im Goethe-Institut Berlin am zweiten Tag meines Aufenthalts, anlässlich eines Sprachkurses letzten Sommer in Deutschland.
Ich wohne in Port-Gentil, einer Halbinsel in dem westlichen Teil Gabuns. Viele Gabuner glauben, dass Deutsch nur in Deutschland gesprochen wird. Als Deutschlehrer wusste ich ja schon, dass Deutsch in anderen Teilen Europas gesprochen wird. Aber, dass Deutsch so eine Menge aus der ganzen Welt anlocken konnte, war für mich eine echte Entdeckung. Als ich darüber überrascht war, dass Sprachkursteilnehmer auch aus Brasilien, Japan, oder Singapur kamen, staunte auch Irina, eine Russin, wieso es dazu kam, dass ein Schwarzafrikaner wie ich Deutsch kennt. „Mein Heimatland Kamerun gehörte zum Deutschen Reich vor 1919“, sagte ich ihr, was für die neugierigen KommilitonInnen der C. 1. 2 Stufe eine überraschende Nachricht war. In der Tat waren wir 12 in unserer Klasse und 10 Nationalitäten: Russland, Singapur, Kuba, Frankreich, Ägypten, Lybien, Saudi-Arabien, Australien, die Schweiz, Kamerun. Jeder sollte in einem Vortrag über eine Persönlichkeit seines Landes sprechen. Ich sprach also vom Sultan Njoya, König der Bamouns in Kamerun, der den schweren Wendeschock zwischen der deutschen Kolonialzeit und der französisch-britischen erlebte, was meine KommilitonInnen sehr spannend fanden.
Berlin: Multikulti
Wenn Sie durch die Straßen von Berlin gehen, ist es sehr einfach, einen Fremden durch seinen Akzent zu erkennen. In Berlin wohnen Leuten aus vielfältiger Herkunft, wie Türken, Italiener, Spanier, Asiaten, Russen, Afrikaner… Im Sommer gewinnt die Vielfältigkeit Berlins mehr Bedeutung. Die vielen Touristen aus benachbarten oder fernen Ländern sind leicht erkennbar durch ihren Fotoapparat oder den Stadtplan in Hand auf der Straße, in der U-Bahn oder an den berühmten Stellen wie Brandenburger Tor oder Berliner Mauer-Denkstätte. Das Bild der Multikulti in Berlin erkennt man auch an den Namen einiger Straßen wie die Französische Straße oder die Afrikanische Straße.
Die grüne Stadt
Was mir dann in Berlin aufgefallen ist, sind die systematisch gepflanzten und gepflegten Bäume entlang der Straßen. Eine sehr grüne Straße in Berlin heißt Unter den Linden am berühmten Alexanderplatz.
Wegen der vielen Bäume, Naturparks und Obstgärten kann man den Schluss ziehen, dass Ökologie für die Berliner wichtig ist. Außer den Naturparks, wo die Leute in sauberer Luft spazieren gehen können, findet man auch Privatgärten, wo man sich zu Hause in aller Stille ausruhen kann. Von dieser Omnipräsenz der Natur her verstand ich auch die Präsenz einer Grünen Partei in dem Deutschen Parlament.
Typisch die Deutschen!
Die Präzision in Deutschland ist für uns Afrikaner etwas sehr Erstaunliches. Das kann man schon an der Mülltrennung sehen: Zu Hause wie auf den öffentlichen Plätzen wird der Müll immer so getrennt, dass verderbliche Abfälle, Plastiktüten oder Glasflaschen nicht zusammen kommen dürfen. Bei Renate Giese, meiner Gastgeberin in Berlin musste ich diesen ersten „Deutschkurs“ lernen.
Bei den Verkehrsampeln hat die Präzision einen anderen Sinn. An der Kreuzung muss man immer warten, bis das grüne Licht den Fußgängern erlaubt, die Straße zu überqueren, auch wenn die Straße ganz leer ist. Eines Tages hatte ich es eilig und musste schnell zur nächsten U-Bahnstation laufen. Ich wartete an den Lampen neben einer alten Dame. Da kein Auto in der Nähe war, entschied ich mich, die Straße zu überqueren. Ich war noch nicht auf der anderen Seite, als die alte Dame hinter mir schrie, als hätte ich sie beleidigt: „Es ist noch rot, junger Mann!“
Zu Hause erzählte ich es den Gastgebern und Martin reagierte sofort: „Die Dame hatte Recht. Wenn ein Kind neben dir gewesen wäre, welches Beispiel hätte er gesehen?“ Ich sagte zu mir leise: „Typisch die Deutschen!“
Und sogar bei der Familienverwandtschaft muss man in Deutschland sehr präzis sein. In Afrika ist die Verwandtschaft so flexibel, dass ein Vetter, ein Neffe und sogar ein Nachbar im Dorf „mein Bruder“ genannt werden. In Bensheim, wo ich den zweiten Teil meines Aufenthalts bei der Familie Götz verbrachte, kam dies regelmäßig zur Sprache.
Als ich Désiré als „meinen Bruder“ vorstellte, fanden es Thomas und Uschi sehr amüsant und Thomas fragte: „Bruder im afrikanischen Sinne oder echter Bruder?“. In der Tat ist Désiré, der in Mannheim arbeitet ein ehemaliger Kommilitone der Universität und in meinem Dorf geboren.
Man sagt oft in Afrika, dass Europäer sehr egoistisch sind. Ich kam nicht ohne diese Vorstellung nach Berlin.
Ich hatte mein Apartment an der Etage mit Küche und Badzimmer und die Gastgeber waren am Erdgeschoss. Aber manchmal wurde ich von Renate zum Essen eingeladen und den Familienfreunden vorgestellt. Ich durfte auch bei ihnen Musik hören oder ihren Laptop benutzen. Mein erstes Konzert besuchte ich in Berlin dank ihrer Einladung. Als ich mich über ihr „afrikanisches Benehmen“ wunderte, nannte sie mir dieses Zitat: "Die Nähe ist der größte Feind des Vorurteils" (Moritz von Engelhardt).
Vorurteile abbauen
In Bensheim fand ich das Zitat wirklich authentisch. Schon in dem Regionalzug von Frankfurt nach Bensheim saß ich neben drei Jungen, die pausenlos in einem lokalen Dialekt plauderten und sehr laut lachten. Einer war dick mit nacktem Kopf und sah unfreundlich aus. Aber, das war nur ein Schein. Denn als der Zug in Bensheim hielt und ich meinen schweren Koffer nach oben tragen musste, fragte mich der dicke Junge: „Hilfe?“ Natürlich brauchte ich Hilfe und hatte nicht den Mut dazu, danach zu fragen. So half mir der Junge, meinen Koffer zu tragen, was ich nie vermutet hätte. Diese Offenheit kontrastierte mit der reservierten Haltung, die ich in Berliner Zügen bemerkte.
Uschi sagte mir: „In Großstädten sind Leute sehr reserviert, aber in Kleinstädten ist es oft das Gegenteil.“ In Bensheim konnte ich diese Offenheit wirklich ermessen: Ich fühlte mich zu Hause; die Nachbarn begrüßten mich. Ich nahm das Fahrrad und fuhr allein und ohne Angst in die Stadtmitte oder in die kleine Stadt Lorsch. Ich sprach oft mit sympathischen Leuten in der Kirche, im Konzert, in Kneipen oder beim berühmten Winzerfest. Ich wurde vom Journalisten Bernd nach Heppenheim eingeladen, wo ich die lokale Zeitung „Starkenburger Echo“ besichtigte. Ich besichtigte auch die berühmte Zahnarztfabrik in Bensheim dank der Einladung von Frank. Im Liebfrauenschule-Gymnasium tauschte ich mich mit sehr sympathischen Schülern und Lehrern aus. Ausflüge nach Frankfurt, Schwetzingen oder Mannheim mit Thomas und Uschi fand ich wunderbar. All diese Veranstaltungen reichten aus, mir ein anderes Bild Deutschlands zu verschaffen.
Die freie Bewegung
Nach vier Wochen in Deutschland fragte ich mich, wie die Polizei wirklich arbeitete. Doch sah ich ab und zu ein Polizeiauto, aber niemals eine Polizeikontrolle.
Am Bahnhof, als ich Fahrkarten für meine Reisen kaufen sollte, zeigte ich meinen Pass, aber den brauchte die Dame nicht. Die Fahrkarten der Deutsche Bahn sind anonym.
Sogar auf meiner Reise mit dem Auto nach Belgien konnte ich kaum glauben, dass wir schon in einem anderen Land waren, als wir Lüttich erreichten. Nicht die leiseste Polizei trafen wir auf dem Weg bis Brüssel. Bei uns erkennt ein Reisender eine neue Stadt oder ein neues Land an einer Reihe von Polizeisperren.
In Deutschland muss man selbst lernen.
Meine ersten Stunden in Berlin werde ich nie vergessen. Die Reise Libreville-Paris- Berlin dauerte insgesamt neun Stunden. Vom Flughafen Berlin-Tegel nahm ich zuerst einen Bus, dann die U-Bahn. In der U-Bahn folgte ich sorgfältig meinem Reiseplan. Der Zug hielt, wo ich aussteigen sollte. Ich stand auf, rollte meinen schweren Koffer zur Tür und wartete, dass die Tür sich automatisch öffnet, wie ich es vor zehn Jahren in Italien sah. Aber die Tür öffnete sich nicht und wahrscheinlich war ich der einzige, der an dieser Seite aussteigen wollte. Es war klar, dass ich aussteigen wollte, aber keiner neben mir reagierte, um mir zu helfen. Dann fuhr der Zug weiter. Erst danach bemerkte ich, dass der Fahrgast selbst den Türgriff drücken muss, um die Tür zu öffnen.
Bei uns benutzt man selten den Stadtplan. Der Fremde wird am Flughafen abgeholt und für die ersten Tage begleitet. Aber in Deutschland muss man selbst lernen. Trotz dem Stadtplan war mir die erste Woche sehr schwierig. Eines Abends nach dem ersten Sprachkurs verbrachte ich fast eine Stunde damit, das Haus wieder zu finden. Die Nummer des Hauses hatte ich vergessen und alle Häuser sahen ähnlich aus. Erst ab der zweiten Woche konnte ich mich wirklich frei orientieren. Aber ich sagte zu mir: Man lernt auch besser durch Schwierigkeiten.
Ich danke dem Goethe-Institut, der Deutschen Botschaft in Libreville, Herrn Frahm und Frau Gestrich, die mir diese allererste Gelegenheit geboten haben. Meine Dankbarkeit richtet sich auch an Martin und Renate Giese in Berlin, die Familie Götz, Walter Böhme in Bensheim und Vater Meinolf von Spee, damals in Belgien.
So war mein erster Eindruck im Goethe-Institut Berlin am zweiten Tag meines Aufenthalts, anlässlich eines Sprachkurses letzten Sommer in Deutschland.
Ich wohne in Port-Gentil, einer Halbinsel in dem westlichen Teil Gabuns. Viele Gabuner glauben, dass Deutsch nur in Deutschland gesprochen wird. Als Deutschlehrer wusste ich ja schon, dass Deutsch in anderen Teilen Europas gesprochen wird. Aber, dass Deutsch so eine Menge aus der ganzen Welt anlocken konnte, war für mich eine echte Entdeckung. Als ich darüber überrascht war, dass Sprachkursteilnehmer auch aus Brasilien, Japan, oder Singapur kamen, staunte auch Irina, eine Russin, wieso es dazu kam, dass ein Schwarzafrikaner wie ich Deutsch kennt. „Mein Heimatland Kamerun gehörte zum Deutschen Reich vor 1919“, sagte ich ihr, was für die neugierigen KommilitonInnen der C. 1. 2 Stufe eine überraschende Nachricht war. In der Tat waren wir 12 in unserer Klasse und 10 Nationalitäten: Russland, Singapur, Kuba, Frankreich, Ägypten, Lybien, Saudi-Arabien, Australien, die Schweiz, Kamerun. Jeder sollte in einem Vortrag über eine Persönlichkeit seines Landes sprechen. Ich sprach also vom Sultan Njoya, König der Bamouns in Kamerun, der den schweren Wendeschock zwischen der deutschen Kolonialzeit und der französisch-britischen erlebte, was meine KommilitonInnen sehr spannend fanden.
Berlin: Multikulti
Wenn Sie durch die Straßen von Berlin gehen, ist es sehr einfach, einen Fremden durch seinen Akzent zu erkennen. In Berlin wohnen Leuten aus vielfältiger Herkunft, wie Türken, Italiener, Spanier, Asiaten, Russen, Afrikaner… Im Sommer gewinnt die Vielfältigkeit Berlins mehr Bedeutung. Die vielen Touristen aus benachbarten oder fernen Ländern sind leicht erkennbar durch ihren Fotoapparat oder den Stadtplan in Hand auf der Straße, in der U-Bahn oder an den berühmten Stellen wie Brandenburger Tor oder Berliner Mauer-Denkstätte. Das Bild der Multikulti in Berlin erkennt man auch an den Namen einiger Straßen wie die Französische Straße oder die Afrikanische Straße.
Die grüne Stadt
Was mir dann in Berlin aufgefallen ist, sind die systematisch gepflanzten und gepflegten Bäume entlang der Straßen. Eine sehr grüne Straße in Berlin heißt Unter den Linden am berühmten Alexanderplatz.
Wegen der vielen Bäume, Naturparks und Obstgärten kann man den Schluss ziehen, dass Ökologie für die Berliner wichtig ist. Außer den Naturparks, wo die Leute in sauberer Luft spazieren gehen können, findet man auch Privatgärten, wo man sich zu Hause in aller Stille ausruhen kann. Von dieser Omnipräsenz der Natur her verstand ich auch die Präsenz einer Grünen Partei in dem Deutschen Parlament.
Typisch die Deutschen!
Die Präzision in Deutschland ist für uns Afrikaner etwas sehr Erstaunliches. Das kann man schon an der Mülltrennung sehen: Zu Hause wie auf den öffentlichen Plätzen wird der Müll immer so getrennt, dass verderbliche Abfälle, Plastiktüten oder Glasflaschen nicht zusammen kommen dürfen. Bei Renate Giese, meiner Gastgeberin in Berlin musste ich diesen ersten „Deutschkurs“ lernen.
Bei den Verkehrsampeln hat die Präzision einen anderen Sinn. An der Kreuzung muss man immer warten, bis das grüne Licht den Fußgängern erlaubt, die Straße zu überqueren, auch wenn die Straße ganz leer ist. Eines Tages hatte ich es eilig und musste schnell zur nächsten U-Bahnstation laufen. Ich wartete an den Lampen neben einer alten Dame. Da kein Auto in der Nähe war, entschied ich mich, die Straße zu überqueren. Ich war noch nicht auf der anderen Seite, als die alte Dame hinter mir schrie, als hätte ich sie beleidigt: „Es ist noch rot, junger Mann!“
Zu Hause erzählte ich es den Gastgebern und Martin reagierte sofort: „Die Dame hatte Recht. Wenn ein Kind neben dir gewesen wäre, welches Beispiel hätte er gesehen?“ Ich sagte zu mir leise: „Typisch die Deutschen!“
Und sogar bei der Familienverwandtschaft muss man in Deutschland sehr präzis sein. In Afrika ist die Verwandtschaft so flexibel, dass ein Vetter, ein Neffe und sogar ein Nachbar im Dorf „mein Bruder“ genannt werden. In Bensheim, wo ich den zweiten Teil meines Aufenthalts bei der Familie Götz verbrachte, kam dies regelmäßig zur Sprache.
Als ich Désiré als „meinen Bruder“ vorstellte, fanden es Thomas und Uschi sehr amüsant und Thomas fragte: „Bruder im afrikanischen Sinne oder echter Bruder?“. In der Tat ist Désiré, der in Mannheim arbeitet ein ehemaliger Kommilitone der Universität und in meinem Dorf geboren.
Man sagt oft in Afrika, dass Europäer sehr egoistisch sind. Ich kam nicht ohne diese Vorstellung nach Berlin.
Ich hatte mein Apartment an der Etage mit Küche und Badzimmer und die Gastgeber waren am Erdgeschoss. Aber manchmal wurde ich von Renate zum Essen eingeladen und den Familienfreunden vorgestellt. Ich durfte auch bei ihnen Musik hören oder ihren Laptop benutzen. Mein erstes Konzert besuchte ich in Berlin dank ihrer Einladung. Als ich mich über ihr „afrikanisches Benehmen“ wunderte, nannte sie mir dieses Zitat: "Die Nähe ist der größte Feind des Vorurteils" (Moritz von Engelhardt).
Vorurteile abbauen
In Bensheim fand ich das Zitat wirklich authentisch. Schon in dem Regionalzug von Frankfurt nach Bensheim saß ich neben drei Jungen, die pausenlos in einem lokalen Dialekt plauderten und sehr laut lachten. Einer war dick mit nacktem Kopf und sah unfreundlich aus. Aber, das war nur ein Schein. Denn als der Zug in Bensheim hielt und ich meinen schweren Koffer nach oben tragen musste, fragte mich der dicke Junge: „Hilfe?“ Natürlich brauchte ich Hilfe und hatte nicht den Mut dazu, danach zu fragen. So half mir der Junge, meinen Koffer zu tragen, was ich nie vermutet hätte. Diese Offenheit kontrastierte mit der reservierten Haltung, die ich in Berliner Zügen bemerkte.
Uschi sagte mir: „In Großstädten sind Leute sehr reserviert, aber in Kleinstädten ist es oft das Gegenteil.“ In Bensheim konnte ich diese Offenheit wirklich ermessen: Ich fühlte mich zu Hause; die Nachbarn begrüßten mich. Ich nahm das Fahrrad und fuhr allein und ohne Angst in die Stadtmitte oder in die kleine Stadt Lorsch. Ich sprach oft mit sympathischen Leuten in der Kirche, im Konzert, in Kneipen oder beim berühmten Winzerfest. Ich wurde vom Journalisten Bernd nach Heppenheim eingeladen, wo ich die lokale Zeitung „Starkenburger Echo“ besichtigte. Ich besichtigte auch die berühmte Zahnarztfabrik in Bensheim dank der Einladung von Frank. Im Liebfrauenschule-Gymnasium tauschte ich mich mit sehr sympathischen Schülern und Lehrern aus. Ausflüge nach Frankfurt, Schwetzingen oder Mannheim mit Thomas und Uschi fand ich wunderbar. All diese Veranstaltungen reichten aus, mir ein anderes Bild Deutschlands zu verschaffen.
Die freie Bewegung
Nach vier Wochen in Deutschland fragte ich mich, wie die Polizei wirklich arbeitete. Doch sah ich ab und zu ein Polizeiauto, aber niemals eine Polizeikontrolle.
Am Bahnhof, als ich Fahrkarten für meine Reisen kaufen sollte, zeigte ich meinen Pass, aber den brauchte die Dame nicht. Die Fahrkarten der Deutsche Bahn sind anonym.
Sogar auf meiner Reise mit dem Auto nach Belgien konnte ich kaum glauben, dass wir schon in einem anderen Land waren, als wir Lüttich erreichten. Nicht die leiseste Polizei trafen wir auf dem Weg bis Brüssel. Bei uns erkennt ein Reisender eine neue Stadt oder ein neues Land an einer Reihe von Polizeisperren.
In Deutschland muss man selbst lernen.
Meine ersten Stunden in Berlin werde ich nie vergessen. Die Reise Libreville-Paris- Berlin dauerte insgesamt neun Stunden. Vom Flughafen Berlin-Tegel nahm ich zuerst einen Bus, dann die U-Bahn. In der U-Bahn folgte ich sorgfältig meinem Reiseplan. Der Zug hielt, wo ich aussteigen sollte. Ich stand auf, rollte meinen schweren Koffer zur Tür und wartete, dass die Tür sich automatisch öffnet, wie ich es vor zehn Jahren in Italien sah. Aber die Tür öffnete sich nicht und wahrscheinlich war ich der einzige, der an dieser Seite aussteigen wollte. Es war klar, dass ich aussteigen wollte, aber keiner neben mir reagierte, um mir zu helfen. Dann fuhr der Zug weiter. Erst danach bemerkte ich, dass der Fahrgast selbst den Türgriff drücken muss, um die Tür zu öffnen.
Bei uns benutzt man selten den Stadtplan. Der Fremde wird am Flughafen abgeholt und für die ersten Tage begleitet. Aber in Deutschland muss man selbst lernen. Trotz dem Stadtplan war mir die erste Woche sehr schwierig. Eines Abends nach dem ersten Sprachkurs verbrachte ich fast eine Stunde damit, das Haus wieder zu finden. Die Nummer des Hauses hatte ich vergessen und alle Häuser sahen ähnlich aus. Erst ab der zweiten Woche konnte ich mich wirklich frei orientieren. Aber ich sagte zu mir: Man lernt auch besser durch Schwierigkeiten.
Ich danke dem Goethe-Institut, der Deutschen Botschaft in Libreville, Herrn Frahm und Frau Gestrich, die mir diese allererste Gelegenheit geboten haben. Meine Dankbarkeit richtet sich auch an Martin und Renate Giese in Berlin, die Familie Götz, Walter Böhme in Bensheim und Vater Meinolf von Spee, damals in Belgien.
Evariste Fosong
Labels:
Bensheim,
Berlin,
Deutsche,
Deutschland,
Evariste Fosong
Montag, 1. März 2010
Jeden Tag in Berlin
(dem Goethe-Institut Berlin und Herrn Burkart Encke gewidmet)
Jeden Tag früh oder spät aufstehen
Und den Gastgebern „Guten Morgen“ sagen
Jeden Tag zur U-Bahn Station laufen
Und dieselbe männliche Stimme hören:
„Einsteigen, bitte Zurückbleiben, bitte“
Manchmal einen plötzlichen Musikanten hören
Der für die Fahrgäste ein schönes Stück anbietet
Und dafür auch ein kleines Stück erwartet
Jeden Tag im Goethe- Institut auftauchen
Und den fröhlichen Kommilitonen „Guten Tag“ sagen
Jeden Tag für sein Frühstück Schlange stehen
Und am Ende die nette Stimme der Dame hören:
„Bitte schön. Und der Nächste!“
Jeden Tag Sport treiben
Vom Erdgeschoss bis zur dritten Etage
Und im Raum 2002 endlich seufzen
Jeden Tag eine neue Präpositionenliste bekommen
Und beginnt eine neue Rätsellösung in Gruppen
Jeden Tag Deutsch zu sprechen versuchen
Vor den liebenswerten Lehrern von Goethe
Der unsere heißt Burkart Encke
Evariste Fosong, Berlin , August 2009
Jeden Tag früh oder spät aufstehen
Und den Gastgebern „Guten Morgen“ sagen
Jeden Tag zur U-Bahn Station laufen
Und dieselbe männliche Stimme hören:
„Einsteigen, bitte Zurückbleiben, bitte“
Manchmal einen plötzlichen Musikanten hören
Der für die Fahrgäste ein schönes Stück anbietet
Und dafür auch ein kleines Stück erwartet
Jeden Tag im Goethe- Institut auftauchen
Und den fröhlichen Kommilitonen „Guten Tag“ sagen
Jeden Tag für sein Frühstück Schlange stehen
Und am Ende die nette Stimme der Dame hören:
„Bitte schön. Und der Nächste!“
Jeden Tag Sport treiben
Vom Erdgeschoss bis zur dritten Etage
Und im Raum 2002 endlich seufzen
Jeden Tag eine neue Präpositionenliste bekommen
Und beginnt eine neue Rätsellösung in Gruppen
Jeden Tag Deutsch zu sprechen versuchen
Vor den liebenswerten Lehrern von Goethe
Der unsere heißt Burkart Encke
Evariste Fosong, Berlin , August 2009
Freitag, 16. Oktober 2009
Deutschland empfing im Sommer drei Nachbarschaftsmitarbeiter aus Afrika
Anlässlich eines Sprachkurs in Berlin, eines Seminars in Hamburg und eines privaten Aufenthaltes in München waren drei Nachbarschaft-Mitarbeiter aus Afrika letzten Sommer in Deutschland.
Evariste Fosong (Gabun), Leopold Leumassi und John Bapack (Kamerun) konnten sich wegen ihren unterschiedlichen Beschäftigungen nicht sehen, sind trotzdem telefonisch und mit Internet ständig im Kontakt geblieben.
Der Chefredakteur Evariste Fosong konnte sich mit dem Deutschlandteam und anderen Nachbarschaft-Freunden in Bensheim und Umgebung treffen. Mit Franziska Goetz, Gottfried Samoth (Redakteure) und Walter Böhme (Webmaster) wurde über die Zukunft des Magazins nach einem Jahr Arbeit viel ausgetauscht. Eine Einladung des deutschen Journalisten Bernd in Heppenhein…war eine Gelegenheit, einen reichen Austausch zu machen und die Welt der Zeitungen in einer Periode der hohen Kokurrenz mit den neuen Medien wie Internet besser kennen zu lernen.
Ein Besuch im Liebenfrauenschule-Gymnasium von Bensheim war eine Möglichkeit, das Magazin den Schülerinnen und LehrerInnen zu präsentieren und neue Nachbarschaft-Freunde zu gewinnen.
Eine Einladung in Brüssel (Belgien) durch Pater Meinolf von Spee, Leiter der NGO Don Bosco International und Nachbarschaft-Freund, gab auch eine Gelegenheit, sich über die Zukunft des Magazins auszutauschen.
Die Redaktion
Evariste Fosong (Gabun), Leopold Leumassi und John Bapack (Kamerun) konnten sich wegen ihren unterschiedlichen Beschäftigungen nicht sehen, sind trotzdem telefonisch und mit Internet ständig im Kontakt geblieben.
Der Chefredakteur Evariste Fosong konnte sich mit dem Deutschlandteam und anderen Nachbarschaft-Freunden in Bensheim und Umgebung treffen. Mit Franziska Goetz, Gottfried Samoth (Redakteure) und Walter Böhme (Webmaster) wurde über die Zukunft des Magazins nach einem Jahr Arbeit viel ausgetauscht. Eine Einladung des deutschen Journalisten Bernd in Heppenhein…war eine Gelegenheit, einen reichen Austausch zu machen und die Welt der Zeitungen in einer Periode der hohen Kokurrenz mit den neuen Medien wie Internet besser kennen zu lernen.
Ein Besuch im Liebenfrauenschule-Gymnasium von Bensheim war eine Möglichkeit, das Magazin den Schülerinnen und LehrerInnen zu präsentieren und neue Nachbarschaft-Freunde zu gewinnen.
Eine Einladung in Brüssel (Belgien) durch Pater Meinolf von Spee, Leiter der NGO Don Bosco International und Nachbarschaft-Freund, gab auch eine Gelegenheit, sich über die Zukunft des Magazins auszutauschen.
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