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Donnerstag, 19. März 2026

Mehrsprachigkeit IV

 Wir gingen aus von der Mehrsprachigkeit, davon, wie gut es ist, wenn man in einem Land wie Kamerun, in dem über 200 Sprachen gesprochen werden, neben seiner Muttersprache auch die Verkehrssprache beherrscht, über man sich mit denen verständigt, die mit einer anderen Muttersprache aufgewachsen sind. Hinzu kommt die allgemeinere Überlegung, dass Mehrsprachigkeit zu größerer Empathie führt, weil man mit der anderen Sprache eine andere Weltsicht lernt und sich beim Wechseln der Sprachen darin übt, schnell von einer Sicht in eine andere umzudenken. 

Doch es gibt auch eine andere Sicht auf Mehrsprachigkeit: Nämlich, je mehr Sprachen zur Verfügung stehen, sich mit anderen zu verständigen (Verkehrssprache, Amtssprache, Weltsprache, Plansprache und leichte Übersetzungsmöglichkeit aufgrund von KI), desto weniger Anlass gibt es, an einer Sprache festzuhalten, die einem nur den Kontakt mit relativ wenigen Sprechern erlaubt. Jede neue Generation, die andere Sprachen lernt, pflegt die alte Sprache weniger. Mit den Sprechern stirbt die Sprache. 

Allerdings gibt es Ausnahmen wie z.: die Sprachen der Religionen, die zwar nicht mehr so lebendig sind wie ständig gesprochene, aber - wie im Falle des Lateins - fortlaufend von einer großen Zahl von Schreibern sich über die Jahrhunderte fortentwickeln als Kirchenlatein, dessen Grammatik sich stark veränderte, und - auch wenn es weit seltener als zuvor geschrieben wurde - als Sprache der Amtskirche des Vatikans eine Fülle von Neologismen aufnahm. Insofern gibt es Abstufungen der Lebendigkeit.

Die Sprache stirbt freilich nur, wenn sie nicht - wie jede quicklebendige Sprache - weiter vererbt wird. Heute gibt es freilich viel mehr Gründe, vorhandene Sprachen aufzugeben (und nicht zu vererben als bei früheren in sich geschlossenen Sprachgemeinschaften wie in einsamen Tälern, auf (Sprach-)Inseln und im Urwald.

Der häufigste Grund wird sein, dass neben der zu vererbenden Sprache bereits eine andere beherrscht wird, die von einer größeren Zahl von Sprechern als Erst- oder Zweitsprache gesprochen wird. 

Eine ZEIT-Autorin berichtet darüber, dass sie versucht, ihrem Sohn ihre und seine Muttersprache beizubringen, und dass er immer wieder abblockt mit: "Rede richtig mit mir!" Erst als sie mit ihm in eine Eltern-Kind-Gruppe mit polnischen Eltern geht, entwickelt er sein Polnisch.

Das passt zu unserer Erfahrung. Als wir mit unserer einjährigen Tochter nach England gingen, verzögerte sich ihre Sprachentwicklung. Es blieb bei Zwei-Wort-Sätzen. Nach einem rund 14-tägigen Urlaub in Deutschland hatte sie aber so gut wie alles aufgeholt. Uns schien, dass sie vorher keinen rechten Sinn im Deutschsprechen gesehen hatte, weil die Umwelt durchweg Englisch sprach.

Unser Sohn, der als Dreijähriger nach England kam, reagierte etwas anders. Er begann mit bedeutungsfreien Silben zu spielen, die er uns als Sprache seines Stofftieres vorstellte. Nach meinem Verständnis war das seine Reaktion darauf, dass ihm die Umwelt Texte lieferte, denen er mit deutschen Vokabular keinen Sinn entnehmen konnte. (Später hat er dann von sinnfreien Silben wieder Abstand genommen und die Sprache seines Stofftieres nach festen Regeln umgestaltet, so dass man erkennen konnte, ob die Ausgangssprache der Umformung Deutsch oder Englisch war. Als er dann älter wurde, hat er für uns Erwachsene die Grundsätze der Sprachumformung schriftlich festgenalten.)

Eine Maßnahme zur Verbreitung von Sprachen über Schrift stellt die Wikipedia mit inzwischen über 300 Sprachsektionen dar. Aufgrund des leichteren Zugangs zu Übersetzungen ist die Versuchung, Mehrsprachigkeit aufzugeben, gestiegen. Das wird vermutlich das Sprachensterben sehr verstärken. Doch ist zu hoffen, dass aufgrund der Erfahrung (und technischen Erleichterung) bei der Übertragung von Sprachen ins Internet das Ärgste noch verhütet werden kann.

Einiges wird auch jetzt schon getan:

"Mitten in Berlin, nahe dem Gendarmenmarkt, liegt eine moderne Version der Arche Noah. Kein gewaltiges Schiff, wie es die Original-Arche der biblischen Legende nach gewesen sein soll, die Funktion aber ist die gleiche: Sie bewahrt. Nicht Menschen und Tiere, sondern Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind.

 Das Endangered Languages Archive (ELAR), so heißt diese moderne Arche, findet sich im vierten Stock der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Es ist das wohl größte digitale Archiv bedrohter Sprachen: Über 770 Sprachen aus über 90 verschiedenen Ländern werden hier vor dem Vergessen geschützt. Sei es Makaguaje aus Kolumbien mit nur noch einer Sprecherin oder Malak-Malak aus Nordwestaustralien, das noch acht Menschen sprechen. 

 Gespeichert sind Videos und Audioaufnahmen von Gesängen, Ritualen, Alltagsgesprächen, aber auch davon, wie ein Boot gebaut oder ein Dach mit Palmwedeln gedeckt wird. Grammatiken und Wörterbücher umfasst das Archiv ebenfalls, erstellt und gesammelt von Sprachforschern aus Südamerika, Afrika oder Australien. Manche stammen von den indigenen Sprechergemeinschaften selbst." (ZEIT 19.2.2026)

Dienstag, 17. März 2026

Zur Entwicklung der deutschen Sprache (Mehrsprachigkeit III)

Die hochdeutsche (oder auch zweite) Lautverschiebung hatte zur Folge, dass im Hochdeutschen neue Laute entstanden, die es im Niederdeutschen nicht an denselben Stellen der Wörter gab.

So kam es dazu, dass es im erweiterten deutschen Sprachraum vom 13. bis zum 17. Jahrhundert zwei deutsche Schriftsprachen gab:

Das Mittelniederdeutsch, das an der Nordseeküste in den Gebieten der heutigen Staaten Niederlande, Deutschland und an der Ostseeküste bis ins Baltikum (Litauen. Lettland und Estland) gesprochen wurde und das die Schriftsprache der Hanse war. Und das Mittelhochdeutsch, das durch die hochdeutsche Lautverschiebung entstand und in dem die wichtigsten deutschen literarischen Werke des Mittelalters entstanden: das Nibelungenlied eines unbekannten Verfassers, der Parzival von Wolfram von Eschenbach und Tristan und Isolde von Gottfried von Straßburg sowie die mittelhochdeutsche Lyrik von vielen wichtigen Verfasser, von denen aber Walther von der Vogelweide der bekannteste ist. Nicht zufällig hat Richard Wagner, der bekannteste deutsche Komponist des späten 19. Jahrhunderts, alle Stoffe dieser drei Epen des Mittelalters in seinen Opern aufgegriffen.

In dieser Zeit entwickelten sich deutschen Dialekte weiter auseinander, aber die Schriftsprache war innerhalb des Mittelniederdeutschen und des Mittelhochdeutschen ziemlich einheitlich. 

Sonntag, 8. März 2026

Mehrsprachigkeit II

 Wenn wir in Mehrsprachigkeit I die verschiedenen Sprachen in Kamerun mit Dialekten in Deutschland verglichen haben, dann war das freilich ungenau. Denn wie wir am Beispiel des obersächsischen Dialekts gesehen haben, hat sich im Laufe der Jahrhunderte daraus das heutige Hochdeutsch entwickelt, während aus dem Niederdeutschen, das in Norddeutschland gesprochen wurde, im Laufe derselben Zeit eine andere Sprache, das Niederländische entstand. Das hatte politische Gründe.

Aus politischen Gründen ist Kamtok, das in Kamerun schon seit etwa 1800 gesprochen wurde, nicht die Verkehrssprache der deutschen Kolonie Kamerun geworden und ebenso aus politischen Gründen wurde in den Völkerbundsmandaten ab 1919 im französisch verwalteten Teil Französisch zur Amtssprache und im englisch verwalteten Teil Englisch.

Das hatte mit den Sprachen, mit denen die Bewohner aufgewachsen waren sehr wenig zu tun, denn die unterschieden sich aus sprachlichen Gründen sehr deutlich.

Es sind, wie die Wikipedia darlegt folgende Sprachen: „55 afro-asiatische Sprachen, zwei nilosaharanische Sprachen und 173 Niger-Kongo-Sprachen. Die Niger-Kongo-Sprachen werden unterteilt in eine Westatlantische Sprache, 32 Adamaua-Ubangi-Sprachen und 142 Benue-Kongo-Sprachen. Innerhalb der Benue-Kongo-Sprachen wiederum sind 130 Bantusprachen (etwa 40 % der Gesamtbevölkerung).[1] Die Hauptsprachen des Nordens sind die westatlantische Sprache Fulfulde, die saharanische Sprache Kanuri, die Kotoko-Sprachen und Schuwa-Arabisch, im Süden vor allem Bantusprachen (Duala, Basaa, Kpe-Mboko, Malimba-Yasa, Makaa, Njem, Ndsimu, Ngoumba, Kounabémbé und verschiedene Beti-Fang-Dialekte, darunter Ewondo, Bulu und Fang). Über 20 % sprechen sudanische und Azande-Sprachen. Der Rest der Bevölkerung, im Grasland Westkameruns, spricht die Sprachen der Semibantu“

In einem dritten Artikel (Mehrsprachigkeit III) wollen wir über die Sprachentwicklung in Deutschland berichten.

Freitag, 20. Februar 2026

Mehrsprachigkeit I

 Für Kamerun ist es angesichts der über 200 Sprachen, die im Land gesprochen werden, eine Selbstverständlichkeit, dass man seine Muttersprache und die Verkehrssprache beherrscht, über man sich mit denen verständigt, die mit einer anderen Muttersprache aufgewachsen sind. 

Aber dabei gibt es auch große Unterschiede. Bei manchen unterscheidet sich die Muttersprache gar nicht so sehr von der Verkehrssprache, nämlich dann, wenn man mit Camfranglais aufgewachsen ist, hat man mit der Amtssprache Französisch relativ wenig Schwierigkeiten, denn das Camfranglais  ähnelt dem Französischen sehr. Wer aber mit Kamtok aufgewachsen ist, für den gilt das nur in dem kleineren Teil von Kamerun, wo die Amtssprache Englisch ist.
Das hat große Ähnlichkeit mit der Situation, die in Deutschland die haben, die mit einem Dialekt aufgewachsen sind. In Zeiten der DDR unterschied sich der obersächsische Dialekt in Sachsen und Thüringen nur relativ wenig von der Amtssprache Deutsch. Das hängt damit zusammen, dass die am weitesten verbreitete Bibelübersetzung in Deutschland, die von Martin Luther im obersächsischen Dialekt geschrieben war, der damals in Kursachsen die Amtssprache war.
Aber die Sprache, aus der Luther die katholische Bibel, die Vulgata, übersetzte, war für ihn als Mönch seine eigentliche Verkehrssprache, denn in der katholischen Kirche sprach und schrieb man Latein. Jetzt fängt es für manchen an, kompliziert zu werden. Dabei haben wir die eigentliche Ursache der Mehrsprachigkeit, nämlich, dass auf der Erde rund 7000 Sprachen gesprochen werden und in Kamerun etwa 230, noch gar nicht behandelt. Doch darauf kommen wir im nächsten Artikel zur Mehrsprachigkeit (Mehrsprachigkeit  II).