In Kenia leben ungezählte Bürgerkriegsflüchtlinge aus Somalia in Lagern und in Eastleigh, einem Stadtteil von Nairobi, den die SZ "eine Art ausgelagerte zweite Hauptstadt Somalias" nennt.
Für den Anschlag im Westgate-Zentrum standen schon lange perspektivlose junge Somalier bereit. Ein wirtschaftlicher Aufschwung Kenias, der nur die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert, hilft nicht gegen Perspektivlosigkeit, die sich in Terror entlädt.
Mittwoch, 25. September 2013
Mittwoch, 4. September 2013
Véro La Reine, Bikutsi, Chinesische Investoren, Umweltchampion
Véro La Reine: Botschafterin für Bikutsi Musik aus Kamerun
Chinesische Investoren und ihre Kaufmacht in den Ländern Afrikas
Chinesische Investoren und ihre Kaufmacht in den Ländern Afrikas
Severin Sea Lodge in Kenia gewinnt den Umweltchampion-Award
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Donnerstag, 22. August 2013
In den Armenvierteln von Jaunde
Auf dem Weg zu einer Buchbesprechung von "Mambés Heimat" II
"Tapioka war ein Lebensmittel, das zwar billig und sättigend, aber ohne großen Nährwert war. Ein typisches Essen für die arme Bevölkerung." (S.133)
Da ihm der Aufenthalt im Hotel auf Dauer zu teuer kommt, geht Mambé gezielt auf Wohnungssuche.
Mit Maklern hat er bald übergenug schlechte Erfahrungen gemacht. Stets hat er die Gebühr im Voraus bezahlen müssen und dann nie etwas Brauchbares angeboten bekommen. So sucht er jetzt auf eigene Faust in den Vierteln, wo er hoffen darf, etwas Preisgünstiges zu finden.
Während bis dahin die allgemeinen Informationen über das gesellschaftliche Leben überwogen, wird er jetzt genauer mit den persönlichen Problemen der Armen bekannt.
"Tapioka war ein Lebensmittel, das zwar billig und sättigend, aber ohne großen Nährwert war. Ein typisches Essen für die arme Bevölkerung." (S.133)
Da ihm der Aufenthalt im Hotel auf Dauer zu teuer kommt, geht Mambé gezielt auf Wohnungssuche.
Mit Maklern hat er bald übergenug schlechte Erfahrungen gemacht. Stets hat er die Gebühr im Voraus bezahlen müssen und dann nie etwas Brauchbares angeboten bekommen. So sucht er jetzt auf eigene Faust in den Vierteln, wo er hoffen darf, etwas Preisgünstiges zu finden.
Während bis dahin die allgemeinen Informationen über das gesellschaftliche Leben überwogen, wird er jetzt genauer mit den persönlichen Problemen der Armen bekannt.
"Wenn man sich in den Armenvierteln Yaoundés befand, brauchte man nicht lange zu warten, um das, was man dort "kostenloses Theater" nannte, zu sehen. Die Szenen des Dramas spielten sich auf der Straße ab und überboten sich gegenseitig an Sensation und Tragik. In dem vornehmen Vierteln dagegen waren solche Geschehnisse eher selten. Ihre Einwohner befanden sich hinter den hohen Mauern, die ihre Villen umgaben, oder in ihren Privatfahrzeugen, deren Fenster meistens aus Rauchglas waren. Die wenigen Probleme, die sie hatten, ließen sie die Passanten nicht mitbekommen. Die Armen hingegen hatten zu viele Probleme und scheuten sich nicht, sie vor aller Augen zu besprechen. Man wanderte durch die Straßen und sah und hörte eine skandalöse Geschichte um die andere." (S.114f.)
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Dienstag, 20. August 2013
Ein Streifzug durch den Alltag Kameruns
Auf dem Weg zu einer Buchbesprechung von "Mambés Heimat" von Hilaire Mbakop
Mambé geht durch Jaunde und beobachtet einige Straßenszenen. Dabei gewinnt er Eindrücke über Kaufhäuser, Konditoreien, Telefonzellen, die per Handy organisiert werden, über die Promiskuität, über Bäckereien, Taxis und - bei seiner Wohnungssuche - über den Wohnungsmarkt in Jaunde.
Er erlebt auch kleine Szenen, in denen handelnde Personen Urteile über das Leben in Kamerun abgeben. Etwa wenn ein "Verrückter" den vor den Bankschaltern Wartenden eine wirtschafts- und staatskritische Rede mit philosophischen Einsprengseln hält, oder wenn ein älterer Mann den jetzigen Staatspräsidenten kritisiert und wehmütig an die Zeit des vorigen Staatspräsidenten erinnert.
Daneben gibt es aber auch manche Passagen bei denen Mambés Perspektive ganz verlassen wird, so etwa bei der Kritik am kamerunischen Fernsehen und an der Presse:
Zunächst wird noch aus Mambés Perspektive erzählt: "Beim Essen schaute sich Mambé eine Kabelfernsehsendungen an. Ein französischer Kanal zeigte einen Tierfilm. [...] "
Doch dann geht die Darstellung fließend von erlebter Rede in einen allgemeinen Erzählerbericht über, der den Eindruck erweckt, als sollte der landesunkundige Leser in die kamerunischen Verhältnisse eingeführt werden:
"Das kamerunische Fernsehen wäre nicht in der Lage gewesen, eine solche Sendung zu produzieren. Dazu müssten die Journalisten über eine gute technische Ausrüstung verfügen. In der Schule, in der kamerunischen Journalisten ausgebildet wurden, fand man nur veraltete Geräte. Die meisten davon waren nicht funktionstüchtig. Schlimmer als die schlechte Ausrüstung dieser Schule war die Tatsache, dass sie die Kritikfähigkeit der Menschen unterdrückte. Sie brachte linientreue Journalisten hervor. Das war ihr ihre einzige Aufgabe. [...]
Der Staat hatte auch seine eigene Presse. Sie war ebenfalls linientreu. Wenn der Präsident sich ins Ausland begab, erzählte er gern dort, dass die kamerunischen Medienlandschaft vielfältig sei. Das stimmte ja auch. Aber wenn er hinzufügte, dass diese Medienvielfalt mit der Pressefreiheit einherging, war es falsch. Denn die privaten Medien unterlagen der Zensur. Ein Journalist, der sich kritisch über die Regierung äußerte, wurde ohne Gerichtsurteil ins Gefängnis geworfen oder gar liquidiert. Gleichzeitig wurde seine Wohnung durchsucht. Es war verboten, sich über den Gesundheitszustand des Staatschefs zu äußern. Der Herausgeber einer Privatzeitung wurde inhaftiert, weil er einmal gesagt hatte, dass der Präsident krank sei. Tatsächlich war dieser krank. Er war nämlich nach Europa gereist, um sich behandeln zu lassen." (S.58/59)
Der Eindruck verstärkt sich, wenn anlässlich eines Restaurantbesuchs Mambés ausführlich erläutert wird, wie das von ihm bestellte Essen zubereitet wird und wie es nicht zubereitet werden darf.
"Mambé bestellte Mais-Couscous mit "Ndolè". Ein afrikanisches Gericht.
"Ndolè" waren grüne Blätter einer Pflanze. Man musste die Blätter stundenlang waschen, damit sie ihren bitteren Geschmack verloren. Man konnte die Waschzeit verkürzen, indem man die Blätter zuerst in einem Wassertopf tat, Steinsalz hinzugab und das Ganze zum Sieden brachte. Nachdem man sie gewaschen hatte, setzte man einen Topf aufs Feuer. Dann tat man Wasser hinein, danach die Blätter und gemahlene Erdnüsse und schließlich Salz und Öl. Es gab auch Leute, die zuerst Öl in den Topf hineingossen und noch warteten, bis es rauchte, bevor sie irgendetwas hineintaten. Dadurch wurden die Nährstoffe und das Aroma des Öls zerstört, was der Grund dafür war, dass diese Leute ihre Speisen so stark würzen mussten." (S.58)
Als Leser schwanke ich zwischen Assoziationen zum Auftreten von Nietzsches tollem Menschen ("Verrückter") und zu Stifters betont banalen Detailberichten in Witiko und Nachsommer ("Dann tat man Wasser hinein ...") und dem Wunsch, es würde mehr erzählt und weniger belehrt.
Doch dann wird Mambé allmählich stärker in das Geschehen hineingezogen. - Dazu später mehr.
Mambé geht durch Jaunde und beobachtet einige Straßenszenen. Dabei gewinnt er Eindrücke über Kaufhäuser, Konditoreien, Telefonzellen, die per Handy organisiert werden, über die Promiskuität, über Bäckereien, Taxis und - bei seiner Wohnungssuche - über den Wohnungsmarkt in Jaunde.
Er erlebt auch kleine Szenen, in denen handelnde Personen Urteile über das Leben in Kamerun abgeben. Etwa wenn ein "Verrückter" den vor den Bankschaltern Wartenden eine wirtschafts- und staatskritische Rede mit philosophischen Einsprengseln hält, oder wenn ein älterer Mann den jetzigen Staatspräsidenten kritisiert und wehmütig an die Zeit des vorigen Staatspräsidenten erinnert.
Daneben gibt es aber auch manche Passagen bei denen Mambés Perspektive ganz verlassen wird, so etwa bei der Kritik am kamerunischen Fernsehen und an der Presse:
Zunächst wird noch aus Mambés Perspektive erzählt: "Beim Essen schaute sich Mambé eine Kabelfernsehsendungen an. Ein französischer Kanal zeigte einen Tierfilm. [...] "
Doch dann geht die Darstellung fließend von erlebter Rede in einen allgemeinen Erzählerbericht über, der den Eindruck erweckt, als sollte der landesunkundige Leser in die kamerunischen Verhältnisse eingeführt werden:
"Das kamerunische Fernsehen wäre nicht in der Lage gewesen, eine solche Sendung zu produzieren. Dazu müssten die Journalisten über eine gute technische Ausrüstung verfügen. In der Schule, in der kamerunischen Journalisten ausgebildet wurden, fand man nur veraltete Geräte. Die meisten davon waren nicht funktionstüchtig. Schlimmer als die schlechte Ausrüstung dieser Schule war die Tatsache, dass sie die Kritikfähigkeit der Menschen unterdrückte. Sie brachte linientreue Journalisten hervor. Das war ihr ihre einzige Aufgabe. [...]
Der Staat hatte auch seine eigene Presse. Sie war ebenfalls linientreu. Wenn der Präsident sich ins Ausland begab, erzählte er gern dort, dass die kamerunischen Medienlandschaft vielfältig sei. Das stimmte ja auch. Aber wenn er hinzufügte, dass diese Medienvielfalt mit der Pressefreiheit einherging, war es falsch. Denn die privaten Medien unterlagen der Zensur. Ein Journalist, der sich kritisch über die Regierung äußerte, wurde ohne Gerichtsurteil ins Gefängnis geworfen oder gar liquidiert. Gleichzeitig wurde seine Wohnung durchsucht. Es war verboten, sich über den Gesundheitszustand des Staatschefs zu äußern. Der Herausgeber einer Privatzeitung wurde inhaftiert, weil er einmal gesagt hatte, dass der Präsident krank sei. Tatsächlich war dieser krank. Er war nämlich nach Europa gereist, um sich behandeln zu lassen." (S.58/59)
Der Eindruck verstärkt sich, wenn anlässlich eines Restaurantbesuchs Mambés ausführlich erläutert wird, wie das von ihm bestellte Essen zubereitet wird und wie es nicht zubereitet werden darf.
"Mambé bestellte Mais-Couscous mit "Ndolè". Ein afrikanisches Gericht.
"Ndolè" waren grüne Blätter einer Pflanze. Man musste die Blätter stundenlang waschen, damit sie ihren bitteren Geschmack verloren. Man konnte die Waschzeit verkürzen, indem man die Blätter zuerst in einem Wassertopf tat, Steinsalz hinzugab und das Ganze zum Sieden brachte. Nachdem man sie gewaschen hatte, setzte man einen Topf aufs Feuer. Dann tat man Wasser hinein, danach die Blätter und gemahlene Erdnüsse und schließlich Salz und Öl. Es gab auch Leute, die zuerst Öl in den Topf hineingossen und noch warteten, bis es rauchte, bevor sie irgendetwas hineintaten. Dadurch wurden die Nährstoffe und das Aroma des Öls zerstört, was der Grund dafür war, dass diese Leute ihre Speisen so stark würzen mussten." (S.58)
Als Leser schwanke ich zwischen Assoziationen zum Auftreten von Nietzsches tollem Menschen ("Verrückter") und zu Stifters betont banalen Detailberichten in Witiko und Nachsommer ("Dann tat man Wasser hinein ...") und dem Wunsch, es würde mehr erzählt und weniger belehrt.
Doch dann wird Mambé allmählich stärker in das Geschehen hineingezogen. - Dazu später mehr.
Walter Böhme
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Samstag, 17. August 2013
Ein erster Blick auf Mambés Heimat
Mambé kehrt zurück. Er löst damit Befremden aus. Der Taxifahrer rechnet nicht damit, dass er auf Dauer bleibt. Und sehr fremd tritt auch seine Heimat Mambé entgegen.
Immer wieder wird Mambé erklärt, weshalb seine Heimat anders ist, als er es erwartet. Sie ist ihm nicht das, was von der Kindheit heraufscheint, wie Ernst Bloch einmal Heimat gesehen hat. Sie ist verstörend.Textbeispiele:
"So sind die Fahrer der Reisebüros," sagte Sobi und fügte hinzu: "Sie rasen und überholen immer auf dieser Straße, obwohl sie wissen, dass sie nicht breit ist. Wissen Sie, die haben keinen festen Lohn, sondern werden nach der Zahl der Hin- und Rückfahrten, die sie machen, bezahlt. Die Draufgänger fahren so unvernünftig, um die normale Fahrtdauer zu unterschreiten, und so spielen sie mit unserem Leben. Es kommt oft vor, dass sie am Steuer dösen, weil sie überanstrengt sind. [...] " (S.11)
Nicht umsonst ist unser Land schon zweimal das korrupteste Land der Welt gewesen. [...] Die enttäuschten klugen Köpfe wandern aus! [...] Eines ist sicher: Es gibt keine Bestochenen ohne Bestechende und umgekehrt. Das bedeutet, dass jeder Einzelne sich weigern muss, zu bestechen oder bestochen zu werden. (S.21/22)
Vor ihnen stand ein Haus in Flammen. Fünf Personen waren damit beschäftigt, Wasser aus einem Ziehbrunnen zu schöpfen und es in die aus dem Haus schlagenden Flammen zu schütten. Doch ihre Aktion war wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Einige Kinder weinten. Die schaulustige Menge schrie weiter. Die Brandstifterin war eine Frau von 30 Jahren. Nach ihrer Aktion hatte sie sich aus dem Staub gemacht. Ihr Ex-Freund war unter denjenigen, die das Feuer verzweifelt zu löschen versuchten. Sie hatte das Haus, in dem er wohnte, in Brand gesteckt, weil er sie angelogen hatte. Als sie mit ihm zusammen gewesen war, hatte er ihr häufig gesagt, dass er nur sie liebe und nur sie heiraten würde. Dann hatte er sein Wort gebrochen und eine andere geheiratet. (S.116)Hilaire Mbakop: Mambés Heimat, 2007
Walter Böhme
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Sonntag, 7. Juli 2013
Mit dem Mobiltelefon kostenlos in die Wikipedia?
"In Tunesien, Mali, Uganda und Elfenbeinküste browsen Handynutzer kostenlos durch das Lexikon", berichtet die Frankfurter Rundschau unter der Überschrift "Ein Gratiszugang zum Wikipedia-Lexikon. Südafrikanische Schüler stoßen Projekt an" am 6. 7. 2013 auf Seite 35.
„Wikipedia Zero“ gibt es bereits in 20 Staaten Afrikas und des Mittleren Ostens. Jetzt fordern Schüler aus Joe-Slovo-Park einem Vorort von Kapstadt in einem offenen Brief an Südafrikas Mobilfunkanbieter, sie sollten auch ihnen „Wikipedia Zero“ bieten, sonst bleiben ihnen als einzige Informationsmöglichkeit die Schulbücher, denn an Computer sei fast nicht heranzukommen.
„Wikipedia Zero“ gibt es bereits in 20 Staaten Afrikas und des Mittleren Ostens. Jetzt fordern Schüler aus Joe-Slovo-Park einem Vorort von Kapstadt in einem offenen Brief an Südafrikas Mobilfunkanbieter, sie sollten auch ihnen „Wikipedia Zero“ bieten, sonst bleiben ihnen als einzige Informationsmöglichkeit die Schulbücher, denn an Computer sei fast nicht heranzukommen.
Bisher gab es noch keine Reaktion.
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Mittwoch, 5. Juni 2013
Patrice Nganang als Zeuge der Geschichte Kameruns in Bensheim (Hessen, Deutschland)
"Die Vergänglichkeit der Gegenwart darzustellen", das ist nach eigenem Bekunden ein Anliegen des kamerunischen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Patrice Nganang - auch und gerade im Hinblick auf die vielfältigen Konflikte, die das westliche Afrika aktuell prägen. Auf Einladung von Nord-Süd-Forum, Karl-Kübel-Stiftung und Stadtbibliothek Bensheim las Nganang am Montag aus seinem im vergangenen Jahr erschienenen Roman "Der Schatten des Sultans".
Patrice Nganang wurde 1970 in Yaoundé, Kamerun, geboren. Dort begann er sein Studium, das er 1994 als DAAD-Stipendiat an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main mit einer Promotion abschloss. Danach ging er mit einem Postdoktoranden-Stipendium an die Freie Universität Berlin. Seit dem Jahr 2000 lebt Nganang in den USA, wo er seit 2007 an der Stony Brook University im Bundesstaat New York lehrt. Der Schriftsteller hat mehrere Bücher veröffentlicht, 2003 erhielt er den "Grand prix littéraire d'Afrique noire" für seinen 1999 erschienenen Roman "Hundezeit", der auch mit dem "Prix Littéraire MargueriteYourcenar" ausgezeichnet wurde.
Patrice Nganang wurde 1970 in Yaoundé, Kamerun, geboren. Dort begann er sein Studium, das er 1994 als DAAD-Stipendiat an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main mit einer Promotion abschloss. Danach ging er mit einem Postdoktoranden-Stipendium an die Freie Universität Berlin. Seit dem Jahr 2000 lebt Nganang in den USA, wo er seit 2007 an der Stony Brook University im Bundesstaat New York lehrt. Der Schriftsteller hat mehrere Bücher veröffentlicht, 2003 erhielt er den "Grand prix littéraire d'Afrique noire" für seinen 1999 erschienenen Roman "Hundezeit", der auch mit dem "Prix Littéraire MargueriteYourcenar" ausgezeichnet wurde.
Acht Jahre Arbeit
Acht Jahre hat Nganang an "Schatten des Sultans" gearbeitet und dabei in Archiven und Bibliotheken in Deutschland, den USA und Frankreich recherchiert, ebenso aber seine Informationen im heutigen Kamerun selbst gefunden.
Sein historischer Roman über das koloniale Kamerun schildert in der Rahmenhandlung die Geschichte einer jungen amerikanischen Historikerin kamerunischer Abstammung, die in der Hauptstadt Yaoundé auf die 80-jährige Sara trifft. Diese war als Neunjährige dem Sultan Njoya als Frau zum Geschenk gemacht worden, konnte sich aber verkleidet als vermeintlicher Sohn einer Sklavin noch für einige Jahre ihrem Los entziehen, bis sie doch zu einer der vielen Frauen im Harem des Sultans wurde.
Der jungen Historikerin erzählt Sara im Rückblick die Geschichten, die sie im Laufe ihres langen Lebens am Hof erlebt hat. Nicht immer schenkt die Wissenschaftlerin den Erzählungen der alten Frau Glauben, und so geht das Buch auch der grundsätzlichen Frage nach, welchen Wert die mündliche Überlieferung durch Zeitzeugen im Verhältnis zu den in Archivmaterial enthaltenen Informationen hat.
Komplexe Konstruktion
So komplex ineinander verwoben wie die koloniale Geschichte Kameruns (zunächst deutsche Kolonie, dann Aufteilung in Britisch-Kamerun und Französisch-Kamerun) ist die Konstruktion des Romans, der rund hundert Jahre zurückblickt und auch eine Referenz an die historische Figur des Sultans Njoya ist. Dieser entwickelte unter anderem ein eigenes Alphabet und eine eigene, nationale Religion und wird bis heute von den Bamun sehr verehrt.
Njoya bemühte sich um ein gutes Verhältnis zum Deutschen Kaiserreich und war preußischen kulturellen Einflüssen gegenüber sehr aufgeschlossen. Im Roman arbeitet der Vater der kleinen Sara als Lektor in Berlin - auch er eine historische Figur. Er liest Rilke und die Buddenbrooks. "Darf ich um ein Bier ersuchen?", mit dieser Frage transportiert er im Jahr 1913 deutsche Bildungsbürgerlichkeit in eine proletarische Berliner Kneipe - zur entzückten Belustigung der Anwesenden, die ihm nun ein Bier nach dem anderen spendieren.
Ein Kapitel des Romans las Patrice Nganang selbst in französischer Sprache und gab den Zuhörern damit einen Eindruck von der rhythmischen Musikalität der Originalfassung des Romans. Die Veranstaltung stieß auf großes Publikumsinteresse und wurde von Dr. Almut Seiler-Dietrich moderiert. Die Literaturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt afrikanische Literatur arbeitete bis 2008 als Gymnasiallehrerin für Französisch, Russisch und Spanisch - zuletzt am AKG in Bensheim. Ihr Ehemann Hans-Jürgen Dietrich las Textpassagen aus der deutschen Buchausgabe. eba
© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 05.06.2013
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