MIGRATIONAUS WESTAFRIKA von Marin Franke
FAZ 9.7.21
Vor
drei Jahren erzählte Mustapha
Sallah der F.A.Z. von seiner Odyssee durch Afrika.
Er wurde in Tripolis als Sklave verkauft, floh durch Libyen und wurde
wieder festgenommen. Der damals 26 Jahre alte Gambier träumte von
einem Leben in Deutschland, wohin er von Libyen aus über das
Mittelmeer aufbrechen wollte. Sallah wollte Informatik studieren und
seine Familie in Westafrika finanziell unterstützen.
Erst
in seiner zweiten Gefangenschaft verabschiedete er sich vom Mythos
Europa und überlegte, wie er Gleichgesinnte im eigenen Land von der
gefährlichen Flucht abhalten könnte. Nach seiner Rückkehr nach
Gambia gründete er die Organisation „Youth Against Irregular
Migration“. Seitdem tourt Sallah durch das Land und versucht
jüngere Menschen davon abzuhalten, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
Zwischen
2014 und 2017 machten die Gambier eine der größten
Einwanderergruppen über die Mittelmeerroute aus, die in der Heimat
auch als „backway“ bezeichnet wird. Auch deswegen sind in dem
Land Organisationen und Selbsthilfegruppen entstanden, die als
Netzwerke für Rückkehrer dienen und gleichzeitig diejenigen warnen
sollen, die gen Norden wollen. Rückkehrer hätten es schwer, sich
wieder in die gambische Gesellschaft zu integrieren, sagt Sallah.
Viele sähen in ihnen Verlierer, die es nicht geschafft hätten, mit
dem gesammelten Geld nach Lampedusa zu kommen und ihre Familien aus
der Ferne zu unterstützen.
Viele
träumen von Europa
Sallah
sagt, dass er seit seiner Rückkehr viele getroffen habe, denen er
den Wunsch von Europa ausreden konnte. Doch nicht alle lassen sich
überzeugen – denn die Möglichkeiten in der Heimat sind begrenzt.
„Viele junge Leute wollen ihr Business starten, aber ihnen wird der
Zugang verwehrt“, sagt Sallah. Die Regierung, die von der EU Geld
erhalten habe, stelle zu wenig Minikredite aus. „Das Geld für
Projekte kommt bei den Falschen an.“ Sallah glaubt, dass in
nächster Zeit wieder viele Richtung Europa aufbrechen könnten. Die
Corona-Krise habe den für Gambia wichtigen Tourismussektor
schachmatt gesetzt, die Strände und Küsten seien leer. „Durch die
Medien erfahren wir die Todeszahlen in Europa. Einige junge Leute
denken hier, dass in Europa viele gestorben sind und nun
Arbeitsplätze frei werden“, sagt Sallah.
Die
politischen Verhältnisse in Gambia haben sich in den vergangenen
Jahren verändert. Der langjährige Diktator Yahya Jammeh war nach
einer verlorenen Wahl 2017 ins Exil nach Äquatorialguinea gegangen.
Der Demokrat Adama Barrow, einst selbst Migrant in Europa, wurde zum
Präsidenten gewählt. Die Zahl der Migranten aus Gambia ist seitdem
gesunken. Potentielle Ausreisende können nicht mehr behaupten, sie
würden in ihrem Land von einem Diktator und dessen Schergen
verfolgt.
Präsident
Barrow hat freilich wenig Interesse daran, dass die vielen Gambier im
Ausland nach Hause kommen. Knapp ein Viertel des Staatshaushaltes
setzt sich aus den Rücküberweisungen zusammen. (weiter ...)
Zur Flüchtlingsproblematik allgemein vgl. Flüchtlinge (Wikiversity)