Am 3. Januar dieses Jahres habe ich das Buch schon einmal vorgestellt. Die Links, die ich damals angeboten habe, brauche ich im Prinzip nicht zu wiederholen außer diesem, da sich dort manche Bilder und Videos finden.
Inzwischen habe ich mehr in dem Buch gelesen und auch einige weitere Texte im Zusammenhang damit gelesen, aus denen ich zitiere und auf die ich verlinke. Insgesamt ist der jetzige Artikel also textbetonteroer als der vom Januar.
In "Wir sind die Macht" (Mighty be our Powers) berichtet Leymah Gbowee davon, wie im Liberianischen Bürgerkrieg ihr Land in Chaos versank. Regierungssoldaten wie Rebellen mordeten hemmungslos.
Leymahs Mutter musste erleben, dass ein Hungernder ermordet wurde, weil sie ihm etwas Reis gegeben hatte. Es ging nämlich das Gerücht um, dass die Rebellen Reis verteilten, um die Bevölkerung für sich zu gewinnen."'Ich habe jemanden umgebracht!', sagte sie wieder und wieder." (S.44) Sie sieht sich schuldig, weil sie geholfen hat.
Leymah Gbowee schreibt dann davon, wie sie eine Friedensbewegung der Frauen (WLMAP) in Bewegung setzte ("Organized by social worker Leymah Gbowee, the movement started with thousands of local women praying and singing in a fish market daily for months." - Wikipedia über die WLMAP).
Diese Bewegung stürzte - unter anderem mit einem Sex-Streik der Frauen wie in Lysistrata - gewaltlos 2003 den erfolgreichen Bürgerkriegssieger Charles Taylor (genauer hier) und half Ellen Sirleaf die Wahl zur Präsidentin zu gewinnen.
Im Film Pray the Devil Back to Hell (2008) wird ihr Kampf geschildert (sieh: Trailer).
Über die Wirkung des Films, der u.a. mit Originalaufnahmen der Überwachungskameras des Präsidenten arbeitete, schreibt Gbowee:
"Als das erste Mal der mir einst so vertraute Anblick der Frauen in Weiß mit ihren Transparenten ins Bild kam, stiegen mir die Tränen in die Augen. [...] Wir hatten alle derart viel Schweres durchgemacht, und dennoch strahlten wir - vor allem die Frauen vom Land - eine unglaubliche Entschlossenheit aus. Der Hunger der gewöhnlichen Menschen nach Frieden war immens gewesen." (S.286)
Ellen Johnson Sirleaf und Leymah Gbowee erhielten für ihren Kampf 2011 den Friedensnobelpreis.
Dienstag, 16. April 2013
Montag, 25. März 2013
Anregungen zum Unterricht in Deutsch als Fremdsprache
- Moodle-Kurse - Deutsch als Fremdsprache
- Kreuzworträtsel - Deutsch online
- Ein Rundgang durch das DSD-Wiki - DSD-Wiki (Lernen für das deutsche Sprachdiplom)
- Weitere Links zu Deutsch als Fremdsprache
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Sonntag, 17. Februar 2013
Patrice Nganang: Ein Sultanshof in Kamerun
Der kamerunische Schriftsteller Patrice Nganang schildert in seinem jüngsten, auf historischen Fakten beruhenden Roman einen Herrscher, der zugleich Denker, Mäzen und Diktator war.
Afrikanische Geschichte lebt nicht in Schlössern und Kathedralen, sondern in Erzählungen, die von Generation zu Generation weitergereicht werden. Dafür ist in Westafrika der Griot zuständig, der die Geheimnisse der Herrscher kennt, die Verwicklungen von Genealogien durchschaut und das Alltagsleben begleitet. Mündliche Überlieferung kann dort haltbarer sein als zu Papier gebrachte Dokumente, die es natürlich auch gibt – etwa die Bibliothek von Timbuktu, die gerade der Zerstörungswut der Islamisten ausgeliefert ist, und die des Sultans Njoya von Bamum in Westkamerun, die derzeit von Kakerlaken aufgefressen wird, wie Patrice Nganang berichtet, der als moderner Griot mündliches Erzählen in Romanform giesst. Mäzen und Historiker Sultan Njoya war von der Überlegenheit der Schrift überzeugt. Er entwickelte ein Alphabet und verfasste ein Werk über sein Reich: das 1921 vollendete «Saa'ngam». Während seiner Herrschaft von 1894 bis 1933 war er mit drei Kolonialmächten konfrontiert, deren erste, die deutsche, ihm am meisten imponierte. 1908 schenkte er Kaiser Wilhelm II. seinen Thron, ein Kunstwerk, das heute noch im Ethnologischen Museum in Berlin zu sehen ist. Mit den Briten und Franzosen kam er weniger gut aus: Letztere verbannten ihn 1931 aus seiner Heimat. Bis zu seinem Tod 1933 lebte er in Yaoundé in einer fürstlichen Residenz namens Mont Plaisant – so auch der Originaltitel des Romans. Sein Gastgeber dort ist Charles Atangana, der ihm die Tochter seines Schwagers zum Geschenk macht. Sie, die damals neunjährige Sara, wird zum stummen «Schatten des Sultans». Sie findet ihre Sprache erst wieder, als die richtige Zuhörerin auftaucht. Das ist Bertha, die Ich-Erzählerin des Romans, die nach Yaoundé gereist ist, wo sie Material für eine wissenschaftliche Arbeit über die Wurzeln des kamerunischen Nationalismus sucht. In Nsimeyong, einem Vorort von Yaoundé, will sie sich den Palast ansehen, aber wo einst Mont Plaisant stand, findet sie nur noch zwei Ziegelsteine vor. «Ich weiss, was Sie suchen», sagt ein junger Mann. Plumpe Anmache, um Kontakt zu einer in den USA lebenden Frau zu bekommen? Zuerst scheint es so, aber dann führt Aruna die skeptische Bertha zu einer alten Frau – Sara, die jetzt bereit ist, ihre Geschichte zu erzählen. In Saras Erinnerung ersteht die höfische Welt des Sultans wieder: seine unzähligen Frauen, seine Tochter, die politischen Gefährten – vor allem Charles Atangana –, die Bediensteten und die Künstler, die er in seinen Werkstätten ansiedelte und für seinen Palast arbeiten liess. Natürlich herrschen in Mont Plaisant, wie schon im Palast von Fumban, diktatorische Verhältnisse, Aufmüpfige werden mit der Peitsche zur Räson gebracht, Intrigen enden oft tödlich. – Sara berichtet nicht gradlinig: Ihre Erinnerung mäandert durch Zeit und Raum, Verdoppelungen komplizieren die Geschichte. Bertha ist auch der Name der Sklavin, die sich damals um die kleine Sara kümmerte. Sie verkleidete das Mädchen als Knaben und nannte sie Nebu wie ihren Sohn, der Bildhauer in Mont Plaisant war und sich mit einer nach dem Bild seiner Geliebten geschaffenen Statue in den Tod stürzte. Sein Schicksal nimmt einen breiten Raum in dem Roman ein wie auch die Geschichte von Saras Vater Joseph Ngono, der allerlei Unangenehmes in Berlin erlebt. So spielt auch ein Teil der Erzählung in Deutschland. Geschichtlich greift der Roman bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück, als Njoya noch in Bamum residierte, als Kamerun noch gar nicht existierte und die Stadt Cameroon City das heutige Douala bezeichnete. Historische Einzelheiten stammen aus den Bergen von Akten, die von Kolonialoffizieren, Ethnografen und Missionaren angefertigt wurden; sie ergänzen die mündliche Überlieferung, der die aus den USA angereiste Wissenschafterin Bertha zunächst nichts abgewinnen kann: «Schluss mit den Archiven des Geschwätzes!», fordert sie und erliegt dann doch dem Zauber von Saras Erzählung und dem Charme der alten Frau, die es versteht, ihre Zuhörerin durch kleine Gesten an sich zu binden, etwa durch gegenseitiges Flechten der Haare. Aruna und seine Freunde sorgen dafür, dass Bertha auch das heutige Kamerun der jungen Menschen versteht.
Extensive Recherche
Patrice Nganang, 1970 in Yaoundé geboren, machte seinen Masters-Abschluss an der Universität Yaoundé und kam 1994 mit einem Stipendium des DAAD nach Frankfurt am Main, wo er mit einer Arbeit über den nigerianischen Nobelpreisträger Wole Soyinka und Bertolt Brecht promovierte. Heute lehrt er an der Stony Brook University in New York Literatur- und Kulturwissenschaften. Er schreibt Essays, Literaturkritiken, Gedichte und Romane. «Hundezeiten» (Peter-Hammer-Verlag, 2003) wurde mit dem Grand Prix Littéraire de l'Afrique noire ausgezeichnet. Für seinen neuen Roman hat Nganang acht Jahre lang in Archiven auf drei Kontinenten geforscht und Menschen in seiner Heimat befragt. Das Resultat ist ein spannendes Buch, aber auch ein Plädoyer für eine neue Art von Geschichtsschreibung. Der Zeitschrift «Jeune Afrique» sagte der Autor: «Geschichte ist zuallererst das von Menschen Erlebte. Die offizielle Kameruner Geschichte beginnt mit dem Unabhängigkeitskampf in den 1950er Jahren. Das Land leidet unter einer historischen Stagnation, dagegen schreibe ich an. Natürlich beginnt die intellektuelle Geschichte sehr viel früher. Njoya hätte mein Grossvater sein können, ein Teil meiner heutigen Intelligenz kommt von ihm, deshalb diese Würdigung.» Sultan Njoya hätte sich über diese Würdigung gefreut, der man viele Leser – gerade auch in Kamerun – wünscht.
Patrice Nganang: Der Schatten des Sultans. Aus dem Französischen von Gudrun und Otto Honke. Peter-Hammer-Verlag. 493 S., Fr. 36.90.
Die Rezension ist am 22.1.13. in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.
Afrikanische Geschichte lebt nicht in Schlössern und Kathedralen, sondern in Erzählungen, die von Generation zu Generation weitergereicht werden. Dafür ist in Westafrika der Griot zuständig, der die Geheimnisse der Herrscher kennt, die Verwicklungen von Genealogien durchschaut und das Alltagsleben begleitet. Mündliche Überlieferung kann dort haltbarer sein als zu Papier gebrachte Dokumente, die es natürlich auch gibt – etwa die Bibliothek von Timbuktu, die gerade der Zerstörungswut der Islamisten ausgeliefert ist, und die des Sultans Njoya von Bamum in Westkamerun, die derzeit von Kakerlaken aufgefressen wird, wie Patrice Nganang berichtet, der als moderner Griot mündliches Erzählen in Romanform giesst. Mäzen und Historiker Sultan Njoya war von der Überlegenheit der Schrift überzeugt. Er entwickelte ein Alphabet und verfasste ein Werk über sein Reich: das 1921 vollendete «Saa'ngam». Während seiner Herrschaft von 1894 bis 1933 war er mit drei Kolonialmächten konfrontiert, deren erste, die deutsche, ihm am meisten imponierte. 1908 schenkte er Kaiser Wilhelm II. seinen Thron, ein Kunstwerk, das heute noch im Ethnologischen Museum in Berlin zu sehen ist. Mit den Briten und Franzosen kam er weniger gut aus: Letztere verbannten ihn 1931 aus seiner Heimat. Bis zu seinem Tod 1933 lebte er in Yaoundé in einer fürstlichen Residenz namens Mont Plaisant – so auch der Originaltitel des Romans. Sein Gastgeber dort ist Charles Atangana, der ihm die Tochter seines Schwagers zum Geschenk macht. Sie, die damals neunjährige Sara, wird zum stummen «Schatten des Sultans». Sie findet ihre Sprache erst wieder, als die richtige Zuhörerin auftaucht. Das ist Bertha, die Ich-Erzählerin des Romans, die nach Yaoundé gereist ist, wo sie Material für eine wissenschaftliche Arbeit über die Wurzeln des kamerunischen Nationalismus sucht. In Nsimeyong, einem Vorort von Yaoundé, will sie sich den Palast ansehen, aber wo einst Mont Plaisant stand, findet sie nur noch zwei Ziegelsteine vor. «Ich weiss, was Sie suchen», sagt ein junger Mann. Plumpe Anmache, um Kontakt zu einer in den USA lebenden Frau zu bekommen? Zuerst scheint es so, aber dann führt Aruna die skeptische Bertha zu einer alten Frau – Sara, die jetzt bereit ist, ihre Geschichte zu erzählen. In Saras Erinnerung ersteht die höfische Welt des Sultans wieder: seine unzähligen Frauen, seine Tochter, die politischen Gefährten – vor allem Charles Atangana –, die Bediensteten und die Künstler, die er in seinen Werkstätten ansiedelte und für seinen Palast arbeiten liess. Natürlich herrschen in Mont Plaisant, wie schon im Palast von Fumban, diktatorische Verhältnisse, Aufmüpfige werden mit der Peitsche zur Räson gebracht, Intrigen enden oft tödlich. – Sara berichtet nicht gradlinig: Ihre Erinnerung mäandert durch Zeit und Raum, Verdoppelungen komplizieren die Geschichte. Bertha ist auch der Name der Sklavin, die sich damals um die kleine Sara kümmerte. Sie verkleidete das Mädchen als Knaben und nannte sie Nebu wie ihren Sohn, der Bildhauer in Mont Plaisant war und sich mit einer nach dem Bild seiner Geliebten geschaffenen Statue in den Tod stürzte. Sein Schicksal nimmt einen breiten Raum in dem Roman ein wie auch die Geschichte von Saras Vater Joseph Ngono, der allerlei Unangenehmes in Berlin erlebt. So spielt auch ein Teil der Erzählung in Deutschland. Geschichtlich greift der Roman bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück, als Njoya noch in Bamum residierte, als Kamerun noch gar nicht existierte und die Stadt Cameroon City das heutige Douala bezeichnete. Historische Einzelheiten stammen aus den Bergen von Akten, die von Kolonialoffizieren, Ethnografen und Missionaren angefertigt wurden; sie ergänzen die mündliche Überlieferung, der die aus den USA angereiste Wissenschafterin Bertha zunächst nichts abgewinnen kann: «Schluss mit den Archiven des Geschwätzes!», fordert sie und erliegt dann doch dem Zauber von Saras Erzählung und dem Charme der alten Frau, die es versteht, ihre Zuhörerin durch kleine Gesten an sich zu binden, etwa durch gegenseitiges Flechten der Haare. Aruna und seine Freunde sorgen dafür, dass Bertha auch das heutige Kamerun der jungen Menschen versteht.
Extensive Recherche
Patrice Nganang, 1970 in Yaoundé geboren, machte seinen Masters-Abschluss an der Universität Yaoundé und kam 1994 mit einem Stipendium des DAAD nach Frankfurt am Main, wo er mit einer Arbeit über den nigerianischen Nobelpreisträger Wole Soyinka und Bertolt Brecht promovierte. Heute lehrt er an der Stony Brook University in New York Literatur- und Kulturwissenschaften. Er schreibt Essays, Literaturkritiken, Gedichte und Romane. «Hundezeiten» (Peter-Hammer-Verlag, 2003) wurde mit dem Grand Prix Littéraire de l'Afrique noire ausgezeichnet. Für seinen neuen Roman hat Nganang acht Jahre lang in Archiven auf drei Kontinenten geforscht und Menschen in seiner Heimat befragt. Das Resultat ist ein spannendes Buch, aber auch ein Plädoyer für eine neue Art von Geschichtsschreibung. Der Zeitschrift «Jeune Afrique» sagte der Autor: «Geschichte ist zuallererst das von Menschen Erlebte. Die offizielle Kameruner Geschichte beginnt mit dem Unabhängigkeitskampf in den 1950er Jahren. Das Land leidet unter einer historischen Stagnation, dagegen schreibe ich an. Natürlich beginnt die intellektuelle Geschichte sehr viel früher. Njoya hätte mein Grossvater sein können, ein Teil meiner heutigen Intelligenz kommt von ihm, deshalb diese Würdigung.» Sultan Njoya hätte sich über diese Würdigung gefreut, der man viele Leser – gerade auch in Kamerun – wünscht.
Patrice Nganang: Der Schatten des Sultans. Aus dem Französischen von Gudrun und Otto Honke. Peter-Hammer-Verlag. 493 S., Fr. 36.90.
Die Rezension ist am 22.1.13. in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.
Almut Seiler-Dietrich
Mittwoch, 16. Januar 2013
Emmanuel Dongala: Gruppenfoto am Ufer des Flusses
Ja, das ist das Afrika, das wir kennen: Korruption, Elend, Aids, vergewaltigende Soldateska, als Hexen denunzierte Frauen; saufende und prügelnde Ehemänner, die ihre „Zweitbüro“ genannten Geliebten aushalten, welche ihrerseits mit gesundheitsschädlichen Bleichmitteln ihre Attraktivität zu erhöhen suchen; Lehrer, die Zeugnisnoten gegen sexuelle Dienste vergeben, tricksende Potentaten in Palästen und friedliche Frauen in Hütten und auf dem Feld, wo sie sich abschuften, um ihre Kinder durchzubringen. Emmanuel Dongala lässt in seinem sechsten Roman wirklich gar nichts aus.
Was nicht in die Handlung passt, taucht als Rundfunkmeldung auf oder wird der Protagonistin erzählt. Dabei lesen sich Méréanas Erlebnisse schon wie eine Studie über die moderne afrikanische Großstadt. Die dreißigjährige Mutter von zwei Kindern hat das Baby ihrer an Aids gestorbenen Schwester aufgenommen. Ihr Mann hat sie verlassen, weil sie auf Kondomen bestand. Natürlich gibt er ihr kein Geld, obwohl er in höheren Kreisen verkehrt und im feinsten Outfit und neuesten Automodell auftritt. Méréana arbeitet als Steineklopferin, um sich das Geld für die Ausbildung zur Informatikerin zu verdienen. Als kluge Frau, die ihre brillante Schulkarriere wegen einer Schwangerschaft abbrechen musste, und als politisch interessierte Nachrichtenhörerin versteht sie, dass der geplante Flughafenausbau die Schottersteine, die sie herstellt, wertvoller macht, und versucht, einen höheren Verkaufspreis auszuhandeln.
Die Kolleginnen ziehen mit, die Händler reagieren brutal, das ganze wird eine Staatsaffäre, die Méréana in Kontakt mit den Mächtigen bringt. Sie durchschaut die Taktik, mit der man sie kaufen will, und erkennt den Wert weiblicher Solidarität. Diese gipfelt in der grandiosen Totenfeier für die von der Polizei erschossene Batatu, um deren Zwillinge sich die Frauen kümmern. Batatus Schicksal ermöglicht es dem Erzähler, weitere Grausamkeiten auszubreiten und das Krankenhauswesen in schon fast satirischer Weise zu schildern.
Dies alles spielt in einer Stadt, deren Name Dongala nicht nennt, die aber leicht als seine Heimatstadt Brazzaville zu erkennen ist. Sie soll für alle afrikanischen Städte stehen, deren Bewohner sich mit kaputten Straßen, gierigen Polizisten, fehlender Elektrizität und überteuerten Handykarten herumschlagen. So kann sogar noch die Genitalverstümmelung thematisiert werden, die im Kongo nicht praktiziert wird.
Erstaunlicherweise aber ist diese Häufung von Elend weder abstoßend noch ermüdend. Der siebzigjährige Autor, der in den USA lebt, schreibt mit leichter Feder, trifft den Umgangston der Frauen und hat mit Méréana, der „Du“-Erzählerin, eine sympathische Frauengestalt erschaffen, wie sie in der afrikanischen Literatur Tradition haben. Man fühlt sich an den berühmten Roman „Gottes Holzstücke“ von Sembene Ousmane erinnert („Les bouts de bois de Dieu“), der 1960, im Jahr der afrikanischen Unabhängigkeiten erschien und die Rolle der Frauen im Eisenbahnerstreik an der Linie Dakar-Bamako von 1947 erzählt.
Emmanuel Dongala, dessen literarisches Werk schon mehrfach ausgezeichnet wurde, kann sich über einen weiteren Preis freuen. Für « Gruppenfoto am Ufer des Flusses“ bekam er den Virilo- Preis für die „feministische Beschreibung des heutigen Afrika, in dem Armut und Gewalt herrschen, das aber voller Hoffnung und Menschlichkeit ist“ - das Afrika eben, wie wir Europäer es kennen.
Almut Seiler-Dietrich
Bibliographische Angaben:
Emmanuel Dongala : Gruppenfoto am Ufer des Flusses. Aus dem Französischen von Giò Waeckerlin-Induni. Peter Hammer Verlag 2011. 339 Seiten. 22 Euro.
Zuvor gedruckt in: NZZ, 3.11.2011 unter dem Titel „Afrika, alles inklusive“.
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Dienstag, 15. Januar 2013
Zur Entwicklung in Mali
Links zu aktuellen Entwicklungen (über Twitter)
Wie kann es in Mali weitergehen? (Kommentar der Frankfurter Rundschau vom 15.1.13)
Hintergrund der Militäraktion in Mali (Spiegel online am 16.1.13 anhand von dpa-Material)
weiteres Material mit Karten
Die eigentliche Aufgabe - faznet (Frankfurter Allgemeine) 8.2.2013 ·
"Die malische Armee war nicht in der Lage, ein paar Hundertschaften aus dem Norden vorstürmender Tuareg, Islamisten und Dschihadisten zu bekämpfen. Stattdessen brechen, kaum ist die Gefahr von französischen Soldaten abgewehrt worden, in der Hauptstadt Bamako wieder Grabenkämpfe (das ist wörtlich zu nehmen) zwischen den militärischen Putschisten und anderen Soldaten aus, die dem vormaligen Regime gegenüber loyal geblieben sind.
Das zeigt, dass die Krise in dem westafrikanischen Land von den Tuareg-Rebellen oder Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) nicht verursacht, sondern nur ausgebeutet wurde."
Wie kann es in Mali weitergehen? (Kommentar der Frankfurter Rundschau vom 15.1.13)
Hintergrund der Militäraktion in Mali (Spiegel online am 16.1.13 anhand von dpa-Material)
weiteres Material mit Karten
Die eigentliche Aufgabe - faznet (Frankfurter Allgemeine) 8.2.2013 ·
"Die malische Armee war nicht in der Lage, ein paar Hundertschaften aus dem Norden vorstürmender Tuareg, Islamisten und Dschihadisten zu bekämpfen. Stattdessen brechen, kaum ist die Gefahr von französischen Soldaten abgewehrt worden, in der Hauptstadt Bamako wieder Grabenkämpfe (das ist wörtlich zu nehmen) zwischen den militärischen Putschisten und anderen Soldaten aus, die dem vormaligen Regime gegenüber loyal geblieben sind.
Das zeigt, dass die Krise in dem westafrikanischen Land von den Tuareg-Rebellen oder Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) nicht verursacht, sondern nur ausgebeutet wurde."
Dienstag, 8. Januar 2013
Hilaire Mbakop: Holzfeuermärchen
Wer nach dem zweihundertjährigen Jubiläum von Grimms Märchen zu Weihnachten 2012 noch an Rotkäppchen, Aschenputtel und Schneewittchen denkt, der wird sich über Märchen wundern, die von Panter, Schildkröte und Feldhasen handeln.
In der Tat handelt es sich bei den "Holzfeuermärchen", die Hilaire Mbakop gesammelt hat, nicht um Märchen von Hexen, Prinzen oder Dummlingen, sondern um Volkserzählungen, die oft von Tieren handeln und insofern Fabeln ähneln, und Erzählungen, die in einer völlig anderen Kultur beheimatet sind als die europäischen Märchen (die wir oft als typisch deutsch missverstehen).
Während das Märchen "Aschenputtel" in der Hochzeit mit dem Prinzen sein glückliches Ende findet, findet die Heldin in "Der Häuptling und seine Frauen" ihr Glück darin, dass der Häuptling seine anderen Frauen verstößt.
An die Stelle des bösen Zauberers kann ein "Mann im Anzug" treten und statt in einer Kutsche wird in einem "altersschwachen Taxi" gefahren. Und das Happy End von "Der Schwache und der Starke" besteht darin, dass der Schwache mit seiner Mutter aus seinem Heimatdorf flieht. (Warum das ein Happy End ist, kann man in "Holzfeuermärchen" nachlesen.)
So fremdartig, wie es auf den ersten Blick scheint, sind diese Märchen freilich nicht. Die Schildkröte, die in keinem von Grimms Märchen zu finden ist, spielt die gleiche Rolle wie der Igel im Märchen von "Hase und Igel". Der Hase freilich ist in diesen Märchen meist so listig, wie in den europäischen Fabeln der Fuchs. Und der Panter spielt eine ähnliche Rolle wie in europäischen Märchen der böse Wolf.
Was ist für mich der besondere Reiz dieser Sammlung?
Die Märchen wurden im 21. Jahrhundert gesammelt.Nur ein relativ kleiner Prozentsatz der Menschen, die Medúmbà sprechen, die Sprache, in der - bis auf vier - alle Märchen dieser Sammlung erzählt worden sind, beherrscht die Schrift von Medúmbà. Wir haben es also mit Märchen zu tun, die erst zwei Jahrhunderte nach Grimms Märchen verschriftlicht worden sind. Es ist reizvoll, sich zu überlegen, welche Elemente der Märchen erst in neuster Zeit hinzugekommen sind (bei dem Taxi, den "quietschend Reifen", dem "Mann mit dem Anzug" fällt es relativ leicht) und ob auch die Märchen erst recht jung sind. Aber ich frage mich auch, wie weit die anscheinend recht alten Tiermärchen zu den aktuellen Erfahrungen der heutigen Kameruner passen.
So viel ist sicher: Fast alle Märchen sind aus der Sicht von Schwachen erzählt, die sich erhoffen, einmal stärker sein zu können als die, die gegenwärtig mehr Erfolg in der Gesellschaft haben.
Nicht zufällig spielt die Schildkröte in diesen Märchen eine so wichtige Rolle: ein Tier, das langsam ist (also im Wettrennen um Erfolg weniger chancenreich), aber durch seinen Panzer vor Angriffen und vor Verletzungen geschützt ist.
Und was will uns wohl sagen, dass in einem Märchen der Elefant ein Gewehr bekommt, um die Schildkröte zu erschießen, am Schluss aber die Schildkröte das Gewehr in Besitz nimmt?
Diese Sammlung eignet sich also zum Vergleich mit Grimms Märchen, um damit zu einem vertieften Verständnis der eigenen Märchentradition zu verhelfen. Leser, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, sollten beachten, dass die Sprachform gelegentlich vom aktuell gebräuchlichen Deutsch abweicht. Für Leser mit der Muttersprache Deutsch entsteht dadurch ein eigentümlicher Reiz.
Der Verdienst, dass Hilaire Mbakop noch im 21. Jahrhundert Märchen gesammelt hat, wird noch deutlicher, wenn man bei den Märchenforschern Turay und Möhlig schon 1989 liest: "In den letzten Jahrzehnten ist die orale Volksliteratur fast überall in Afrika einen stillen Tod gestorben" (A. Taray und W.J.G. Möhlig: Temne Stories, Köln 1989, S.11).
Hilaire Mbakop: Holzfeuermärchen, Re Di Roma-Verlag 2010, ISBN 978-3-86870-261-3
Für Lehrer ein Artikel über die pädagogische Funktion von Märchen allgemein.
In der Tat handelt es sich bei den "Holzfeuermärchen", die Hilaire Mbakop gesammelt hat, nicht um Märchen von Hexen, Prinzen oder Dummlingen, sondern um Volkserzählungen, die oft von Tieren handeln und insofern Fabeln ähneln, und Erzählungen, die in einer völlig anderen Kultur beheimatet sind als die europäischen Märchen (die wir oft als typisch deutsch missverstehen).
Während das Märchen "Aschenputtel" in der Hochzeit mit dem Prinzen sein glückliches Ende findet, findet die Heldin in "Der Häuptling und seine Frauen" ihr Glück darin, dass der Häuptling seine anderen Frauen verstößt.
An die Stelle des bösen Zauberers kann ein "Mann im Anzug" treten und statt in einer Kutsche wird in einem "altersschwachen Taxi" gefahren. Und das Happy End von "Der Schwache und der Starke" besteht darin, dass der Schwache mit seiner Mutter aus seinem Heimatdorf flieht. (Warum das ein Happy End ist, kann man in "Holzfeuermärchen" nachlesen.)
So fremdartig, wie es auf den ersten Blick scheint, sind diese Märchen freilich nicht. Die Schildkröte, die in keinem von Grimms Märchen zu finden ist, spielt die gleiche Rolle wie der Igel im Märchen von "Hase und Igel". Der Hase freilich ist in diesen Märchen meist so listig, wie in den europäischen Fabeln der Fuchs. Und der Panter spielt eine ähnliche Rolle wie in europäischen Märchen der böse Wolf.
Was ist für mich der besondere Reiz dieser Sammlung?
Die Märchen wurden im 21. Jahrhundert gesammelt.Nur ein relativ kleiner Prozentsatz der Menschen, die Medúmbà sprechen, die Sprache, in der - bis auf vier - alle Märchen dieser Sammlung erzählt worden sind, beherrscht die Schrift von Medúmbà. Wir haben es also mit Märchen zu tun, die erst zwei Jahrhunderte nach Grimms Märchen verschriftlicht worden sind. Es ist reizvoll, sich zu überlegen, welche Elemente der Märchen erst in neuster Zeit hinzugekommen sind (bei dem Taxi, den "quietschend Reifen", dem "Mann mit dem Anzug" fällt es relativ leicht) und ob auch die Märchen erst recht jung sind. Aber ich frage mich auch, wie weit die anscheinend recht alten Tiermärchen zu den aktuellen Erfahrungen der heutigen Kameruner passen.
So viel ist sicher: Fast alle Märchen sind aus der Sicht von Schwachen erzählt, die sich erhoffen, einmal stärker sein zu können als die, die gegenwärtig mehr Erfolg in der Gesellschaft haben.
Nicht zufällig spielt die Schildkröte in diesen Märchen eine so wichtige Rolle: ein Tier, das langsam ist (also im Wettrennen um Erfolg weniger chancenreich), aber durch seinen Panzer vor Angriffen und vor Verletzungen geschützt ist.
Und was will uns wohl sagen, dass in einem Märchen der Elefant ein Gewehr bekommt, um die Schildkröte zu erschießen, am Schluss aber die Schildkröte das Gewehr in Besitz nimmt?
Diese Sammlung eignet sich also zum Vergleich mit Grimms Märchen, um damit zu einem vertieften Verständnis der eigenen Märchentradition zu verhelfen. Leser, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, sollten beachten, dass die Sprachform gelegentlich vom aktuell gebräuchlichen Deutsch abweicht. Für Leser mit der Muttersprache Deutsch entsteht dadurch ein eigentümlicher Reiz.
Der Verdienst, dass Hilaire Mbakop noch im 21. Jahrhundert Märchen gesammelt hat, wird noch deutlicher, wenn man bei den Märchenforschern Turay und Möhlig schon 1989 liest: "In den letzten Jahrzehnten ist die orale Volksliteratur fast überall in Afrika einen stillen Tod gestorben" (A. Taray und W.J.G. Möhlig: Temne Stories, Köln 1989, S.11).
Walter Böhme
Hilaire Mbakop: Holzfeuermärchen, Re Di Roma-Verlag 2010, ISBN 978-3-86870-261-3
Für Lehrer ein Artikel über die pädagogische Funktion von Märchen allgemein.
Samstag, 5. Januar 2013
Sisyphos im Lärm der Stille (von Muepu Muamba)
Man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, sagte Camus.
Muepu Muamba aber ist wütend. Er möchte seinen Stein jemandem an den Kopf werfen, oder, wie es in der „Wut-Rede“ heißt: „Wut euch vor die Füße zu werfen“ – aber wem?
Papst Nikolaus V, der 1455 die Unterwerfung aller Nichtchristen forderte?
Diego Cao, der 1482 das Land an der Kongomündung für Portugal in Besitz nahm?
König Leopold II, der den „Unabhängigen Staat Kongo“ als Privatbesitz ausbeutete?
Den belgischen Kolonialherren?
Oder nicht doch dem Diktator Mobutu, der Muepu wie viele kongolesische Intellektuelle ins Exil trieb?
Oder gar den heutigen Machthabern, die ihm keinen Platz in seiner Heimat, der Demokratischen Republik Kongo, geben?
Dabei fing alles so gut an. Als Jugendlicher ging Muepu Muamba in Belgien zur Schule und studierte dort. Nach seiner Ausweisung 1968 veröffentlichte er in Kinshasa Gedichte und Erzählungen, die ihren Platz in der Literaturgeschichte haben. Mit einem Freund gründete er dort einen Verlag und wurde zur Frankfurter Buchmesse 1977 eingeladen. Ein mehrmonatiges Praktikum im Klett-Verlag schloss sich an. 1979 war Muepu Muamba Gast beim Horizonte-Festival in Berlin; von dort kehrte er nicht mehr in seine Heimat zurück.
Seine jahrelange Odyssee durch Westafrika und Europa erzählt Muepu ebenfalls in diesem Band, und das ist eigentlich viel spannender als die – wenn auch sehr wortgewaltigen – Schilderungen afrikanischen Elends. „Delirium“ etwa, das Klagelied einer Prostituierten, die Mann und Sohn verlor und nun in ihrem Elend mit Gott hadert, lässt an den Roman „Allah muss nicht gerecht sein“ von Ahmadou Kourouma denken. „Der Teufel muss intelligenter sein als du, Herr“, das ist der Stein, den diese Frau ihrem christlichen Gott vor die Füße wirft. Der Teufel erscheint hier in Gestalt zaïrischen Militärs; er hat wohl auch noch seine Handlanger in der Demokratischen Republik, in die Muepu nicht zurückkehren mag, obwohl er seine Staatsbürgerschaft nie aufgegeben hat. Für die in einem belgischen Gefängnis spielende Erzählung « Zellengemeinschaft » bekam Muepu 1988 einen stattlichen Geldpreis von einer französischen Minderheitenorganisation, die, wenn auch nur ein Bruchteil dieses aus Gewalt-, Sex- und Fäkalsprache gestrickten Textes mit seiner tatsächlichen Erfahrung während der Abschiebehaft im Gefängnis St. Gilles zu tun hat, eigentlich der belgischen Justiz einen Menschenrechtsprozess hätte anhängen müssen.
Ein anderer wortgewaltiger afrikanischer Schriftsteller, Patrice Nganang aus Kamerun, leitet diese Anthologie mit einem Brief an den Autor ein. Auch er singt das Lied von der „Aushöhlung des Gewissens.“ Die beiden sind sich vor vielen Jahren in einer Frankfurter Straßenbahn begegnet und haben festgestellt, dass jeder seinen Stein zu wälzen hat. Nganang tut das heute erfolgreich – vielleicht sogar glücklich - in den USA, und Muepu Muamba lebt seine Stille im Lärm der Großstadt Frankfurt, die ihm seit zwölf Jahren Ersatzheimat ist. (Almut Seiler-Dietrich)
Muepu Muamba : Sisyphos im Lärm der Stille. Eine Anthologie, hg. von Barbara Höhfeld, mit einem Brief von Patrice Nganang. Heidelberg: Draupadi Verlag 2012, 191 Seiten.
Diese Rezension von Almut Seiler-Dietrich www.afrika-interpretieren.de ist zuerst in "Literaturnachrichten" Nr. 114, Herbst 2012 im Druck erschienen.
Muepu Muamba aber ist wütend. Er möchte seinen Stein jemandem an den Kopf werfen, oder, wie es in der „Wut-Rede“ heißt: „Wut euch vor die Füße zu werfen“ – aber wem?
Papst Nikolaus V, der 1455 die Unterwerfung aller Nichtchristen forderte?
Diego Cao, der 1482 das Land an der Kongomündung für Portugal in Besitz nahm?
König Leopold II, der den „Unabhängigen Staat Kongo“ als Privatbesitz ausbeutete?
Den belgischen Kolonialherren?
Oder nicht doch dem Diktator Mobutu, der Muepu wie viele kongolesische Intellektuelle ins Exil trieb?
Oder gar den heutigen Machthabern, die ihm keinen Platz in seiner Heimat, der Demokratischen Republik Kongo, geben?
Dabei fing alles so gut an. Als Jugendlicher ging Muepu Muamba in Belgien zur Schule und studierte dort. Nach seiner Ausweisung 1968 veröffentlichte er in Kinshasa Gedichte und Erzählungen, die ihren Platz in der Literaturgeschichte haben. Mit einem Freund gründete er dort einen Verlag und wurde zur Frankfurter Buchmesse 1977 eingeladen. Ein mehrmonatiges Praktikum im Klett-Verlag schloss sich an. 1979 war Muepu Muamba Gast beim Horizonte-Festival in Berlin; von dort kehrte er nicht mehr in seine Heimat zurück.
Seine jahrelange Odyssee durch Westafrika und Europa erzählt Muepu ebenfalls in diesem Band, und das ist eigentlich viel spannender als die – wenn auch sehr wortgewaltigen – Schilderungen afrikanischen Elends. „Delirium“ etwa, das Klagelied einer Prostituierten, die Mann und Sohn verlor und nun in ihrem Elend mit Gott hadert, lässt an den Roman „Allah muss nicht gerecht sein“ von Ahmadou Kourouma denken. „Der Teufel muss intelligenter sein als du, Herr“, das ist der Stein, den diese Frau ihrem christlichen Gott vor die Füße wirft. Der Teufel erscheint hier in Gestalt zaïrischen Militärs; er hat wohl auch noch seine Handlanger in der Demokratischen Republik, in die Muepu nicht zurückkehren mag, obwohl er seine Staatsbürgerschaft nie aufgegeben hat. Für die in einem belgischen Gefängnis spielende Erzählung « Zellengemeinschaft » bekam Muepu 1988 einen stattlichen Geldpreis von einer französischen Minderheitenorganisation, die, wenn auch nur ein Bruchteil dieses aus Gewalt-, Sex- und Fäkalsprache gestrickten Textes mit seiner tatsächlichen Erfahrung während der Abschiebehaft im Gefängnis St. Gilles zu tun hat, eigentlich der belgischen Justiz einen Menschenrechtsprozess hätte anhängen müssen.
Ein anderer wortgewaltiger afrikanischer Schriftsteller, Patrice Nganang aus Kamerun, leitet diese Anthologie mit einem Brief an den Autor ein. Auch er singt das Lied von der „Aushöhlung des Gewissens.“ Die beiden sind sich vor vielen Jahren in einer Frankfurter Straßenbahn begegnet und haben festgestellt, dass jeder seinen Stein zu wälzen hat. Nganang tut das heute erfolgreich – vielleicht sogar glücklich - in den USA, und Muepu Muamba lebt seine Stille im Lärm der Großstadt Frankfurt, die ihm seit zwölf Jahren Ersatzheimat ist. (Almut Seiler-Dietrich)
Muepu Muamba : Sisyphos im Lärm der Stille. Eine Anthologie, hg. von Barbara Höhfeld, mit einem Brief von Patrice Nganang. Heidelberg: Draupadi Verlag 2012, 191 Seiten.
Diese Rezension von Almut Seiler-Dietrich www.afrika-interpretieren.de ist zuerst in "Literaturnachrichten" Nr. 114, Herbst 2012 im Druck erschienen.
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