Sonntag, 5. Februar 2023

Begräbnisriten im Lande der Bamileke im Westen Kameruns

Tod, Trauer und Trost sind meistens die bedeutendsten Wörter, wenn ein Mensch unsere Welt verlässt. Ein Verstorbener hat immer einen hervorragenden Platz im Herzen der noch lebenden Menschen in Afrika ganz allgemein und besonders bei den Bamilekes im Westen Kameruns. Nach dem Tod gibt es bestimmte Rituale, um dem/der Verstorbenen einen ehrwürdigen Abschied zu geben. 



Schon in der Vergangenheit haben die frühen Menschen ihre Toten in verschiedener Form gewürdigt. Bevor mit der Beerdigung die sterblichen Überreste ins Grab gelegt werden, gibt es bei den Bamilekes etwa zehn Tage, an denen besonders die Frauen und Kinder heftig weinen und auf Matratzen auf dem Boden schlafen. Die ganze Familie, bzw. die Verwandten müssen sich mehrmals versammeln, um das Begräbnissprogramm zu erstellen. Nach der Totenwache in der Stadt wird manchmal die Leiche ins Heimatdorf geführt. 



Bei den verschiedenen Grabreden durch Familienmitglieder, Bekannte und andere treten traditionelle Tänzer mit besonderen Gewändern auf, um die authentischen kulturellen Werte der Bamilekes zu demonstrieren. 

Bei dieser Gelegenheit wird dem Publikum der/die Nachfolger*in vorgestellt. Er (Sie) wird unter den Kindern des/der Verstorbenen nach seinem/ihrem Testament ausgewählt und hat als Hauptaufgabe, die Werke des/der Verstorbenen zu verewigen. 



Die Witwe muss ihrerseits bestimmte rituale Akte ausführen, nämlich mehrere Tage auf dem Boden schlafen, sich die Kopfhaare abrasieren lassen und ein ganzes Jahr lang nur weiße oder dunkelblaue Kleidung mit Kopftüchern tragen. Nach mindestens einem Jahr werden noch einmal Begräbniszeremonien zum Gedenken an die Verstorbenen veranstaltet.

                                               William CHANTCHO, Douala

Montag, 16. Januar 2023

Klima-Reparationen

 Olúfẹ́mi O. Táíwò:

"In der Klimakrise gipfelt jahrhundertelange 'Rassen'-Ungerechtigkeit - [...] Wie den Aktivistinnen und Aktivisten, die das koloniale politische System in den 1960er und 1970er Jahren infrage stellten, durchaus klar war, erfordert Gerechtigkeit, dass wir unsere politischen und wirtschaftlichen Systeme in weltweitem Maßstab umstrukturieren. [...] Wir sollten uns unseren Handel und unser politisches System wie ein Wasserleitungsnetz vorstellen, "das dem ganzen Globus umspannt. Aber statt Wasser zu transportieren, produziert und verteilt dieses Leitungsnetz soziale Vorteile und Nachteile: Wohlstand und Armut, Endprodukte und Umweltverschmutzung, medizinisches Wissen und Unwissen. Die daraus erwachsene Verteilung von Vor- und Nachteilen spiegelt [...] jahrhundertelange menschliche Bestrebungen und Entscheidungen wider. Gezielte Versuche, eine ungerechte Gesellschaftsstruktur zu schaffen, fehlgeschlagene Versuche, eine gerechte Gesellschaftsstruktur hervorzubringen [...]. Diese historischen Leitungen ermöglichen es uns vorherzusagen, wohin zukünftige Ströme von Vor – und Nachteilen wie von selbst fließen werden [...], wenn die Leitungswege so bleiben, wie sie sind. Die Konstruktion der heutigen Welt erfolgte über das globale 'Rassen'-Imperium: über die historisch beispiellose koloniale Eroberung und 'Rassen'-Versklavung, die im 15. Jahrhundert anfing. [...] Dieses System schufen die Kolonialmächte "durch Kolonien auf Landgebieten, die sie sich durch Herrschaft über und Eliminierung von indigenen Völkern sicherten und mit der Arbeitskraft versklavter und verkaufter Afrikanerinnen und Afrikaner produktiv machten. [...]

Im 18. und 19. Jahrhundert verknüpft das britische Weltreich sein Netz von Kolonien und Sklavenarbeit mit neuen kohle– und dampfgetriebenen Technologien, [...] diese Industrielle Revolution [...] verstehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Beginn unserer Ära des anthropogenen Klimawandel.

Diese Geschichte des 'Rassen'-Weltreichs [...] hat auch die Netzwerke und Kanäle geschaffen, die heute Vorteile und Nachteile an verschiedene Völker und Orte auf der Welt leiten. [...] Innerhalb dieser unterschiedenen geographischen Bereiche und über sie hinweg haben schwarze und indigene Menschen tendenziell die geringsten Vorteile und die meisten Nachteile im Vergleich zu ihren Nachbarn. Die Ungerechtigkeiten haben sich in der Struktur abgelagert [...]. Diese Struktur werden wir ändern müssen, wenn wir die Übel der Vergangenheit wirklich angehen wollen." (S.450/451)

"Diese Einsicht liegt dem 'konstruktiven' Ansatz der Reparationen für Sklaverei und Kolonialismus zu Grunde: Wir müssen Leitungen schaffen, die den bisher Entmachteten Vorteile zufließen lassen und diejenigen, die durch die Ungerechtigkeit von gestern bereichert und ermächtigt wurden, dazu bringen, ihren gerechten Anteil an den globalen Belastungen zu übernehmen, die aus den Reaktionen auf die Klimakrise und dem Schutz unseres Lebens auf diesem Planeten erwachsen. " (S.451/452)

"Bedingungslose Geldtransfers betreffen nicht nur Individuen und Haushalte. Historische Kapitalflüsse umzulenken, kann – und muss – auch auf der Ebene von Staaten und multinationalen Institutionen passieren. Genau das haben reiche Länder [...] zugesagt, allerdings waren sowohl die Zusagen als auch ihre Umsetzung zu wenig. [...] Privatinvestoren und Konzerne haben angeboten, die Lücke zu überbrücken [...] In dem Maße, wie unsere Bemühungen Umweltgestaltung Finanzmittel erfordern, ist es besser, unmittelbaren politischen Druck auf private Institutionen auszuüben, als sie ans Steuer zu lassen. Solche 'Desinvestitions-Investitions'-Strategien würden Aktivismus nutzen, um Finanzmittel aus fossilen Brennstoffen und anderen umweltverschmutzenden Industrien abzuziehen und in Projekte zu lenken, die das Gemeinwohl fördern: [...] Dies könnten wir mit Blick auf eine weltweite Reichweite [...] damit verbinden, Druck auf den in Steueroasen auf dem gesamten Globus gehorteten Reichtum im Wert von Billiarden US-Dollar auszuüben." (S.452/53)

"In unserem gegenwärtigen System haben private Unternehmen einseitige und autoritäre Kontrolle über weite Bereiche des öffentlichen Lebens [...] Eine wichtige Alternative bietet die Idee der 'Gemeinschaftskontrolle' [...] Wir sollten anstreben, freiheitsfördernde praktische Angebote zu schaffen und gerecht zu verteilen [...] und greifbare Strukturen [...] aufbauen, die uns helfen, eine gerechte, klimaresiliente Welt zu schaffen. Wir müssen Abwassersysteme für den Hochwasserschutz bauen und gerecht verteilen; neue energieeffiziente Wohnungen nachrüsten; und eine sichere, resiliente Infrastruktur für Energietransport und –speicherung entwickeln. [...] Geld allein wird die Probleme nicht beheben Wir müssen Umweltprobleme spezifisch und unmittelbar angehen und dabei zugleich die Machthierarchien infrage stellen, die sie verursacht haben. [...] Welche Entwürfe wir auch entwickeln, wir müssen die Welt buchstäblich neu gestalten – diesmal für die vielen, statt für wenige." (Greta Thunberg: Das Klima-Buch, S.453/454)

Klimawandel und Ungleichheit

Solomon Hsiang:

"Unsere Welt ist zu tiefst ungleich. Es gibt heute reiche Gesellschaft mit einem Lebensstandard und Chancen, die vor ein paar Jahrhunderten unvorstellbar gewesen wären, und auf der anderen Seite ärmere Gesellschaften, deren Zugang zu Ressourcen, Gesundheitsversorgung und Technologie sich seit diesen Zeiten kaum verändert hat. [...] Wenn reichere Gesellschaften durch den Klimawandel ärmer und ärmere Gesellschaften reicher würden, könnte der Klimawandel die globale Ungleichheit verringern. Wenn jedoch reichere Gesellschaften eher von der Erderwärmung profitierten und ärmere Gesellschaften eher geschädigt würden, müssten wir erwarten, dass der Klimawandel die Ungleichheit noch verstärkt. [...] 

Die Forschung lässt erkennen, dass es zwei Hauptgründe gibt, weshalb in der Welt ärmere Populationen eher unter dem Klimawandel leiden als reichere. Erstens verfügen ärmere Gesellschaften über geringere Ressourcen [...]. Der zweite Grund ist weniger bekannt, aber potentiell sogar nach bedeutsamer: Die Auswirkungen der Temperatur auf viele für die Menschen wichtige Ergebnisse sind nichtlinearer Art. [...] Wenn eine Gemeinschaft in einer kälteren Regionen (z.B. in Norwegen) lebt, ist die Erwärmung durchaus hilfreich - [...]. Lebt eine Gemeinschaft in einer gemäßigten Regionen (z.B. Iowa in den USA), hat die Erwärmung kaum Auswirkungen auf das Wohlergehen. Viele Studien zeigen, dass die 'ideale' Durchschnittstemperatur zwischen 13 und 20 °C liegt. Lebt eine Gemeinschaft in einer heißen Region (z.B. Indien), ist eine weitere Erwärmung schädlich – sie vernichtet Ernten, verstärkt die Ausbreitung vektorübertragener Krankheiten und verlangsamt das Wirtschaftswachstum. Ein Grad zusätzliche Erwärmung hat nicht überall denselben Effekt, und das hat tiefgreifende Folgen für die Ungleichheit.

Der nichtlineare Effekt der Temperatur ist deshalb so wichtig, weil die armen Populationen heute eher in deutlich heißeren Regionen leben. [...] Deshalb haben ärmere Populationen beim Klimawandel eine schlechtere Ausgangsposition, da sie in heißen Regionen leben, in denen die weitere Erwärmung besonders schädlich ist, während die reicheren Populationen in kühleren Regionen leben, in denen die Erwärmung geringere Schäden verursacht – und zuweilen sogar vorteilhafter ist." (Grete Thunberg: Das Klima-Buch, S.199-202)

Freitag, 6. Januar 2023

Die Rede des Patrice Lumumba am 30.6.1960 und ihre Folgen

Am 30.6.1960 wurde der die Republik Kongo von Belgien in die Unabhängigkeit entlassen.

Der gewählte Ministerpräsident Patrice Lumumba hielt damals eine im Protokoll nicht vorgesehene 12-minütige Rede. Dazu heißt es in der deutschen Wikipedia: 

"[...] Schon während des Festaktes zur Unabhängigkeitsfeier trat Lumumba als entschiedener Verfechter von Freiheit und Würde hervor. In einer Rede widersprach er dem belgischen König Baudouin (1930–1993), der die „Errungenschaften“ und die „zivilisatorischen Verdienste“ der Kolonialherrschaft lobte. In Anwesenheit des Königs und der versammelten Honoratioren aus dem In- und Ausland widersprach er dieser Geschichtsauffassung und prangerte – an König Baudouin gewandt – die Unterdrückung, Missachtung und Ausbeutung durch die belgische Kolonialverwaltung an.

„[…] erniedrigender Sklaverei, die uns mit Gewalt auferlegt wurde. […] Wir haben zermürbende Arbeit kennengelernt und mussten sie für einen Lohn erbringen, der es uns nicht gestattete, den Hunger zu vertreiben, uns zu kleiden oder in anständigen Verhältnissen zu wohnen oder unsere Kinder als geliebte Wesen großzuziehen. […] Wir kennen Spott, Beleidigungen, Schläge, die morgens, mittags und nachts unablässig ausgeteilt wurden, weil wir Neger waren. […] Wir haben erlebt, wie unser Land im Namen von angeblich rechtmäßigen Gesetzen aufgeteilt wurde, die tatsächlich nur besagen, dass das Recht mit dem Stärkeren ist. […] Wir werden die Massaker nicht vergessen, in denen so viele umgekommen sind, und ebenso wenig die Zellen, in die jene geworfen wurden, die sich einem Regime der Unterdrückung und Ausbeutung nicht unterwerfen wollten.“ [...]"(Wikipedia: Patrice Lumumba)

 

In der Wikipedia zur Geschichte der Region Kongo heißt es dazu: 

" Am 1. Januar 1960 hatte die französische Regierung das Nachbarland Kamerun in die Unabhängigkeit entlassen; im Laufe des Jahres 1960 entließ sie weitere 13 französische Kolonien in die Unabhängigkeit. Zwei Tage später, am 27. Januar 1960, kündigte Belgien Wahlen und Selbstverwaltung an und erklärte, dass es sich innerhalb von sechs Monaten aus dem Kongo zurückziehen werde. Das Versprechen wurde gehalten. Am 30. Juni 1960 erhielt der Kongo seine Unabhängigkeit, nachdem einen guten Monat zuvor am 25. Mai 1960 der MNC in den ersten freien Wahlen des Kongo die meisten Stimmen auf sich vereinigt hatte. [...] Der übereilte Rückzug Belgiens aus dem Kongo (nur die militärische Führung blieb in den Händen der Belgier) stellte die Unabhängigkeitsbewegung aber vor große Probleme, denn das Land war in einem äußerst instabilen Zustand. Regionale und ethnische Führer hatten teils mehr Macht als die Zentralregierung in Kinshasa. Dieser Zustand war durchaus von Belgien beabsichtigt: Der zuständige belgische Kolonialminister August De Schryver vertraute im Herbst 1959 einem Gesprächspartner an, dass er darauf warte, im „entstehenden Chaos um Hilfe gerufen zu werden“ (nach Van Bilsen, 1994).

Das Wahlergebnis hatte Lumumbas Mouvement National Congolais mit 33 von 137 Sitzen zur stärksten Fraktion des zersplitterten Parlaments gemacht. Dieses Ergebnis war von Belgien und den USA, die Lumumba als Kommunisten verdächtigten und eine Hinwendung des rohstoffreichen und größten subsaharischen Landes zum Lager anderer sozialistischer Staaten unter allen Umständen verhindern wollten, nicht erwünscht. Ihr Favorit war der eher gemäßigte Kasavubu. Zugleich zerbrach die bisher nur durch die Unabhängigkeitsbewegung zusammengehaltene Allianz, und interne Konflikte brachen auf." (Wikipedia)


Einen ausführlichen Bericht zu den Zusammenhängen und den Entwicklungen bis zu Patrice Lumumbas Tod findet man in der Wochenzeitung ZEIT vom 5.1.2023 innerhalb der Serie "Sternstunden der Menschheit". Daraus hier der folgende Abschnitt:

"[...] Pa­tri­ce Lu­mum­ba stammt aus ei­ner ar­men Fa­mi­lie aus der Pro­vinz. Er geht auf ei­ne ka­tho­li­sche Mis­sio­nars­schu­le, spä­ter ar­bei­tet er für die Post und, nach­dem er nach Léo­pold­vil­le ge­zo­gen ist, für ei­ne Braue­rei. Was be­schei­den klin­gen mag, ist der Be­ginn ei­nes atem­lo­sen Auf­stiegs. Lu­mum­ba ist in vie­lem, was er tut, der Bes­te.

Nach der Ar­beit be­sucht er an der Abend­schu­le Fran­zö­sisch­kur­se, es dau­ert nicht lan­ge, da spricht er die Spra­che bes­ser als vie­le Bel­gi­er im Kon­go. Er liest wie be­ses­sen po­li­ti­sche Li­te­ra­tur, bald schreibt er Ar­ti­kel für bel­gi­sche Zei­tun­gen. Mit An­fang drei­ßig gilt der Mann, der tags­über noch im­mer Bier ver­kauft, als ei­ner der füh­ren­den Den­ker des Kon­go.

Im De­zem­ber 1958 fliegt Lu­mum­ba nach Gha­na. Die Re­gie­rung dort hat Frei­heits­kämp­fer aus ganz Afri­ka ein­ge­la­den. Lu­mum­ba kommt als Un­be­kann­ter und geht als Star. Er hält ei­ne der bes­ten Re­den und fin­det in Gha­nas Prä­si­dent Kwa­me Nkru­mah ei­nen Men­tor und Freund. Die bri­ti­sche His­to­ri­ke­rin Su­san Wil­liams sieht in die­ser Rei­se ei­ne »po­li­ti­sche und per­sön­li­che Of­fen­ba­rung«. Nach sei­ner Rück­kehr hält Lu­mum­ba in Léo­pold­vil­le ei­ne Ver­samm­lung ab. Et­wa zehn­tau­send Men­schen ju­beln ihm zu und ru­fen: »In­dé­pen­dence im­mé­dia­te!«, Un­ab­hän­gig­keit so­fort!

Zwei­mal reist Lu­mum­ba nach Kai­ro, je­weils für meh­re­re Wo­chen. Dort hat ein ägyp­ti­scher Di­plo­mat in ei­ner Vil­la am Nil ei­ne Art Bot­schaft für afri­ka­ni­sche Frei­heits­kämp­fer er­öff­net. Ver­tre­ter aus Ma­la­wi, An­go­la, Al­ge­ri­en, dem Su­dan und an­de­ren Län­dern ha­ben dort Bü­ros und dis­ku­tie­ren über ih­ren Wi­der­stand ge­gen die bri­ti­schen, fran­zö­si­schen, por­tu­gie­si­schen Ko­lo­ni­al­her­ren. Es sind Kämp­fe, die meist mehr mit po­li­ti­schem Druck als mit Ge­weh­ren und Bom­ben ge­führt wer­den. Ägyp­ten hat sich un­ter Prä­si­dent Ga­mal Ab­del Nas­ser der pan­afri­ka­ni­schen Idee ver­schrie­ben, und Teil die­ser Idee ist es, dass man die mäch­ti­gen Eu­ro­pä­er nur ge­mein­sam be­zwin­gen kön­ne – und dass man da­für An­füh­rer braucht, die für ganz Afri­ka spre­chen kön­nen. Kaum je­mand scheint bes­ser ge­eig­net als Pa­tri­ce Lu­mum­ba.In Ägyp­ten freun­det sich Lu­mum­ba mit sei­nem Gast­ge­ber an, dem ägyp­ti­schen Di­plo­ma­ten, ei­nem fein­geis­ti­gen In­tel­lek­tu­el­len und Spra­chen­lieb­ha­ber na­mens Mo­ham­mad Ab­del Asis Ischak. Die bei­den ver­brin­gen so viel Zeit mit­ein­an­der, dass Ischaks Kin­der Lu­mum­ba bald »On­kel Pa­tri­ce« nen­nen.

Im Kon­go be­kommt die Par­tei, die Lu­mum­ba ge­grün­det hat, das Mou­vement Na­tio­nal Con­go­lais (MNC), von Wo­che zu Wo­che mehr Zu­lauf, aus al­len Ge­sell­schafts­schich­ten und fast al­len Re­gio­nen des Lan­des. Wäh­rend die meis­ten Par­tei­en für ei­nen eher lang­sa­men Ab­zug der Bel­gi­er ein­tre­ten oder so­gar für ih­ren Ver­bleib in Tei­len der Ge­sell­schaft, for­dert Lu­mum­ba ei­ne schnel­le Un­ab­hän­gig­keit und ech­te Frei­heit von der Ko­lo­ni­al­herr­schaft.

Die­se Po­si­ti­on macht ihn im Kon­go zum be­lieb­tes­ten Po­li­ti­ker – und in Bel­gi­en zu ei­ner Ge­fahr. Denn die Brüs­se­ler Re­gie­rung hat kei­nes­wegs vor, sich kom­plett aus dem Land zu­rück­zu­zie­hen. Da­für ist der Kon­go öko­no­misch zu wich­tig. Sie ist fest ent­schlos­sen, hin­ter der Fas­sa­de der Un­ab­hän­gig­keit wei­ter die Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Mit ei­nem Pre­mier­mi­nis­ter Lu­mum­ba dürf­te das schwie­rig wer­den. [...]

Der Panafrikanismus der Fünfziger- und Sechzigerjahre hatte sich erhofft, dass überall in Afrika die Menschen das Joch des Kolonialismus abschütteln und die neuen, unabhängigen Staaten, einander in Freundschaft verbunden, prosperieren würden.

Stattdessen folgte dem Kolonialismus in vielen Ländern ein neues Joch. Das der Langzeitdiktatoren, die das eigene Volk knechten. Mobutu war keine Ausnahme, er war die Regel."

Über das Schicksal das Lumumba aufgrund seiner übermächtigen Gegner ereilte, berichtet die Wikipedia so sachlich, wie man so etwas darstellen kann:

"Die belgische Regierung sah Lumumba als eine Gefahr an, da er als Sozialist die reichen Bergbau- und Plantagen-Gesellschaften verstaatlichen wollte. Der belgische Staat übte auf die Medien Druck aus, um das Image Lumumbas zu ruinieren. Die belgische Presse bezeichnete ihn als Kommunisten und Anti-Weißen, was er immer zurückwies. Eine westdeutsche Zeitungskarikatur bezeichnete Lumumba sogar als Negerpremier. Nach seinem Tod lautete der Titel einer belgischen Zeitung „der Tod des Satans“ (la mort de Satan).

Lumumba versuchte, die heterogenen Kräfte zu einen, die Einheit des Landes zu bewahren und seine Partei zu einer einheitlichen nationalen Bewegung nach dem Vorbild Ghanas unter Kwame Nkrumah aufzubauen. Dem standen die im Kongo verbliebenen Weißen – Siedler, Geschäftsleute und die nach wie vor unter der Führung von belgischen Offizieren stehende Armee –, aber insbesondere die Großmacht USA entgegen.

Zuvor hatte Lumumba bei einem Besuch bei US-Präsident Dwight D. Eisenhower nicht die gewünschte Unterstützung erhalten, und es wurde der US-Seite klar, dass Lumumbas Politik die Interessen amerikanischer Unternehmen gefährden würde, die am belgischen Monopol der Mineralausbeutung in der Provinz Katanga beteiligt waren. Einige Wochen später wurde von Mitarbeitern der Joint Chiefs of Staff bei einer informellen Konferenz mit Vertretern von Central Intelligence Agency (CIA), State Department und Department of Defense die Ermordung Lumumbas vorgeschlagen.[6] Als Lumumba die Sowjetunion um militärische Unterstützung gegen die belgischen Truppen bat, kam sein vom CIA abgefangenes Telegramm schneller in Washington als in Moskau an. Der Kalte Krieg war auf dem Höhepunkt, und der Widerstand gegen Lumumba konnte mit der Behauptung gerechtfertigt werden, dass er beabsichtige, das Land dem Einflussbereich der Sowjetunion zuzuführen.

Am 12. Juli 1960 begab sich Lumumba in die abtrünnige Provinz Katanga. Dort stationierte belgische Truppen verweigerten seinem Flugzeug jedoch die Landeerlaubnis. Lumumba und Staatschef Kasavubu ersuchten darauf die Vereinten Nationen (UN) und deren Generalsekretär Dag Hammarskjöld um Hilfe und erklärten Belgien den Krieg. Belgien verstärkte daraufhin seine Truppenpräsenz in Katanga, und die UN entsandten erste Verbände nach Léopoldville.

Im August 1960 wies CIA-Direktor Allen Welsh Dulles die Niederlassung in Kinshasa an, für die Entfernung von Lumumba aus dem Amt des Ministerpräsidenten zu sorgen. Zuerst versuchten dies die CIA-Agenten in Kooperation mit dem belgischen Geheimdienst mit politischen Mitteln zu erreichen. Abgeordnete wurden bestochen, damit sie ein Misstrauensvotum gegen Lumumba initiierten, Demonstrationen orchestriert und ein Kontakt mit Mobutu hergestellt, der zu dieser Zeit Chef des Stabes der kongolesischen Armee war. Der Leiter der CIA im Kongo, Lawrence R. Devlin, machte ihm finanzielle Zusagen, sollte er mit der Armee auf die Hauptstadt vorrücken.[7]

Die folgenden Ereignisse wurden unter dem Begriff „Kongo-Wirren“ bekannt. Staatspräsident Joseph Kasavubu verbündete sich mit Unterstützung der USA mit Oberst Joseph Mobutu (der sich später Mobutu Sese Seko nannte), einem früheren Weggefährten Lumumbas, gegen jenen. Lumumba wurde am 5. September 1960 auf Drängen der USA aus seinem Amt als Ministerpräsident entlassen. Kasavubu machte Lumumba öffentlich für Massaker durch die Streitkräfte während der Invasion von Süd-Kasai und für die Beteiligung der Sowjets im Land verantwortlich.[8] Lumumba erklärte daraufhin Kasavubu für abgesetzt. Einen Tag später machte das kongolesische Parlament Lumumbas Entlassung wieder rückgängig. Am 12. September 1960 veranlasste Kasavubu die neuerliche Entlassung und beauftragte den neuen Oberkommandierenden der Armee, Mobutu, mit der Verhaftung Lumumbas. Er konnte sich dieser jedoch entziehen.

Am 14. September 1960 übernahm die Armee unter Mobutu in einem mit den USA abgesprochenen Putsch die Macht. Kasavubu blieb offizielles Staatsoberhaupt. Lumumba wurde unter Hausarrest gestellt, blieb aber unter dem Schutz der UN-Truppen.[9] Daraufhin erhielt der Leiter der CIA im Kongo, Lawrence R. Devlin, den Auftrag, Lumumba zu töten, nach einigen Quellen auf Befehl von US-Präsident Dwight D. Eisenhower persönlich, führte diesen Auftrag aber nicht aus.[10][11][9]

Am 27. November 1960 gelang Lumumba die Flucht aus Léopoldville; kurz darauf wurde er von Oberst Mobutus Truppen bei Mweka (Kasaï) festgenommen und am 1. Dezember 1960 nach Thysville gebracht, um für einen Gerichtsprozess zur Verfügung zu stehen. Nach einer Militärmeuterei in Thysville am 13. Januar 1961 konnte Lumumba am 17. Januar mit zwei seiner Getreuen nach Élisabethville (Katanga) fliehen. Dort wurde er bei seiner Ankunft angegriffen und tauchte darauf wieder unter. Am 10. Februar verbreitete sich das Gerücht, dass er entkommen sei. Von der Regierung Moïse Tschombés wurde am 13. Februar bekanntgegeben, dass Lumumba von gegen ihn feindlich eingestellten Einwohnern getötet worden sei. Weil das Ersuchen des Roten Kreuzes, ihn während seiner Gefangenschaft in Katanga sehen zu können, konsequent abgelehnt worden war, besteht weitgehend die Annahme, dass das Regime ihn bereits vor der Bekanntgabe seines Todes ermordet hat. In vielen Teilen der Welt fanden angesichts dieser Ereignisse Protestveranstaltungen statt.[12][13] Andere Quellen gehen vom 17. Januar 1961 als seinem Todestag aus und unterscheiden sich hinsichtlich der Darstellung der Todesumstände.[1][14]" (Wikipedia)

Die gegenwärtige Situation in der Demokratischen Republik Kongo ist durch viele Terroranschläge gekennzeichnet.

Dienstag, 29. November 2022

Eine Stimme für Mädchen und Frauen

"Eines Morgens, ich war noch klein, lief ich von zu Hause weg. Meine Eltern suchten überall nach mir. Irgendwann wurde ich im Klassenzimmer einer nahe gelegenen Grundschule aufgestöbert. Da saß ich, bereit zu lernen. Am nächsten Tag wiederholte sich das Ganze. Mein Vater fragte die Lehrerin, was man tun könnte, denn ich war noch zu klein, um eingeschrieben zu werden, aber sobald sie versuchten, mich aus dem Klassenzimmer zu holen, bekam ich einen Tobsuchtsanfall. [...] Von da an ging ich  jeden Morgen zur Schule  und wurde schließlich, ein Jahr früher als üblich, endlich offiziell eingeschult.

Ich hatte ganz offensichtlich einen großen Wissensdurst, und ich bin sehr froh, dass meine Eltern sich für meine Bildung immer eingesetzt haben, zumal für mich als Mädchen [...]." (S.129)

"In jeder Mannschaftssport wäre es schwer zu gewinnen, wenn einem Team nur die Hälfte seiner Spielerinnen zur Verfügung stünde. Die Weltbevölkerung ist zu über 50 Prozent weiblich. Wenn wir die Klimakrise erfolgreich meistern wollen, müssen wir mit dem ganzen Team auflaufen. [...]

"Laut Schätzungen von Project Drawdown könnten Maßnahmen zur Förderung der weltweiten Bildung sowie Investitionen in Familienplanung in Ländern mit niedrigen bis mittleren Einkommen eine massive Reduzierung von Klimagasen in einem Umfang von 85,42 Giga Tonnen (in CO2-Äquivalenten) zwischen 2020 und 2050 zur Folge haben. Das liegt knapp unter dem Zehnjahresausstoß der Volksrepublik China. Langzeitstudien haben ergeben, dass Mädchen mit einem Oberschulabschluss gesünder sind, mehr wirtschaftliche Möglichkeiten haben und – ein wesentlicher Faktor in den Berechnungen von Project Drawdown – weniger Kinder zur Welt bringen. Darüber hinaus kümmern sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit darum, dass auch ihre Kinder, die Töchter eingeschlossen, eine Schulbildung erhalten [...] Laut Schätzungen der UN sind 80 Prozent der durch Klimaereignisse Heimatvertriebenen weiblich. Auch in der Klimakrise wird wie so oft, das Leiden der Frauen durch die strukturelle Ungleichheit der Geschlechter, die ihr Leben bestimmt, weiter verstärkt. [...] Um ihren Müttern zur Hand zu gehen, müssen Mädchen oft vorzeitig die Schule verlassen. Wenn auch das nicht genügt, um das Überleben der Familie zu sichern, sind Mütter oft zu herzzerreißenden Entscheidungen gezwungen, zum Beispiel ihre Kinder zum Betteln in die Stadt zu schicken, [...] oder ihre Töchter zu verheiraten, oftmals mit sehr viel älteren Männern." (S.133)

"Im Gegenzug erhalten die Familien für das Mädchen den traditionellen Brautpreis. Er wird üblicherweise in Form von Geschenken oder Geld entrichtet, manchmal ist auch beides der Fall. Für ein armes Mädchen mag der Brautpreis ein paar Zentner Mais betragen. Für eine Familie mit hungernden Kindern oder einer von Überschwemmungen zerstörten Ernte kann das einen entscheidenden Unterschied bedeuten. Ein verstörender Gedanke, dass der Verzicht eines Mädchens auf Bildung ein paar Säcke  Mais wert sein soll.

In manchen Gegenden sind Frühehen erschreckend weit verbreitet. In den Subsaharastaaten werden 35 Prozent der Mädchen verheiratet, ehe sie 18 Jahre alt sind. In Uganda sind es eher 40 Prozent, und laut der lokalen NGO Uganda for her sind 10 Prozent der Mädchen in meiner Heimat sogar schon mit 15 verheiratet. [...]

Das ist kein rein afrikanisches Problem. Laut einem Bericht von UNICEF sind in Südasien beinahe 30 Prozent der Mädchen bereits verheiratet, wenn sie 18 werden. [...] Die gesellschaftlichen Normen in Uganda erlegen die Verantwortung, als ledige Frau auf keinen Fall schwanger zu werden, allein den Frauen auf und ächten sie, wenn es doch passiert. Die Schule zu verlassen, kann Teil des Preises sein, den sie dann zahlen müssen, während die Väter ihrer Kinder ihre Ausbildung ungehindert fortsetzen können. In dem Internat, das ich besuchte, wurden wir alle sechs Wochen einem Schwangerschaftstest unterzogen, was auch eine körperliche Untersuchung beinhaltete. Weshalb wird diese Doppelmoral von uns akzeptiert und ständig weiter verstärkt?" (S.133-35)

"Unser Schulsystem bereitet uns nicht auf die Zukunft vor. Viel zu viel Zeit wird darauf verwendet, uns zu pflichtbewussten Ehefrauen zu erziehen, zu passiven Konsumentinnen, gehorsamen Angestellten, anstatt aktive Bürgerinnen aus uns zu machen. [...] Die Schule sollte uns das nötige Rüstzeug und die notwendigen Informationen an die Hand geben, um eigenständige Entscheidungen über unsere Zukunft zu treffen. (S.137)

Zitat aus einem Text von Evelin Achim:

"Die Jugend über das Klima aufzuklären, ist etwas anderes, als ältere Menschen über das Thema zu informieren, Weil junge Menschen voller Energie, Offenheit und Wissensdurst sind. Wenn es uns gelingt, sie umfassend über den Klimawandel zu unterrichten, können Sie diese Informationen in sich aufgehen lassen und mit dem Wissen aufwachsen, dass Klimaschutz wichtig ist. Die Schülerinnen, die heute in die erste Klasse kommen, werden in neun Jahren Teenagerrinnen sein. Und diese Teenager*innen können großen Einfluss als Aktivistinnen und Ratgeberinnen haben, weil sie in der Schule so viel zu dem Thema gelernt haben." (S.137/38)

"Dennoch lautet die beklagenswerte Tatsache, dass ausgerechnet die Länder im globalen Süden, wo die Klimakrise am deutlichsten zu spüren ist, gleichzeitig die Länder sind, in denen die wenigsten Mädchen ihre schulische Ausbildung beenden." (S.139)

"So gibt es Kommunen in Teilen Afrikas, wo es Frauen verboten ist, auf Bäume zu klettern; aber wo aber sollen sie sonst hin, wenn alles überflutet ist." (S.140)

'Studien, unter anderem von Amnesty international, belegen, dass Frauen, und vor allem Women of Color, in den sozialen Medien ungleich häufiger Schikanen und verbalen Übergriffen ausgesetzt sind als weiße Frauen. Zwischenraum Laut dieser Studie sind schwarze Frauen um 84 Prozent wahrscheinlicher mit 'beleidigenden oder problematischen' Kommentaren konfrontiert als weiße Frauen.

Dabei erschüttert mich am meisten, dass die negativen Kommentare in meinem Fall von Landsleuten oder anderen Afrikaner*innen stammen." (S. 141)

"Ich versuche, mich auf die vielen positiven Botschaften zu konzentrieren, die Hassposts zu ignorieren und meine mentale Gesundheit vor allem vor allen jenen zu beschützen, die nichts Positives beizusteuern haben.

Einfach ist es nie, aber es wurde noch schwerer, als im März 2020 die Pandemie zuschlug und seitdem der Großteil meiner Aktionen online stattfinden muss. [...] Aber die ausbleibenden Möglichkeiten, vor Ort Präsenz zu zeigen, hatten Konsequenzen: Zum Beispiel wurden Investitionen in Höhe von Multimilliarden von Dollar in fossile Brennstoffe durchgewunken, ohne dass Aktivisten Regierungs- oder Konzernsitze hätten stürmen können." (S. 143)

"Die Ökofeministin Adenike Oladosu beschreibt, was in den Ländern im Globalen Süden geschieht: 'Frauen sind durch ihre enge Verbundenheit mit ihrer unmittelbaren Lebenswelt vom Klimawandel überdurchschnittlich betroffen', sagt sie. 'Bei jeder Krise sind Frauen Opfer: ob sie durch Überflutungen ihre Häuser verlieren, ob ihre Ackerflächen weggespült werden oder der Dürre zum Opfer fallen und sie deshalb die Ernte einbüßen.' Frauen sind, so Adenike weiter, gleichzeitig die ersten Opfer der Klimakrise und Ersthelferinnen am Schauplatz der Katastrophe. Doch ihre Macht, sich für ihre Rechte und Bedürfnisse einzusetzen, ist beschränkt, weil viele von ihnen auf dem informellen Sektor arbeiten und nicht Teil der offiziellen Erwerbsbevölkerung sind." (S.144)

"Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen hat festgestellt, dass Frauen bei Naturkatastrophen – von denen wir inzwischen wissen, dass sie in Wirklichkeit Klimakatastrophen sind – oft Opfer körperlicher und sexueller Gewalt werden. Manche Bauern oder Landbesitzer zwingen Frauen im Tausch für Nahrung oder Miete zum Sex; viele dieser Missbrauchsopfer sind gezwungen, auf der Straße zu schlafen, wo nur die Starken überleben. [...] Faktoren wie Stress, Arbeitsplatzverlust, gestörte Abläufe und erzwungene Nähe in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie haben geschlechterbasierte Gewalt weiter vorangetrieben. Das UN-Organ UN Women hat dafür den Begriff 'Schattenpandemie' geprägt." (S. 145)

" 'Die Länder mit der höchsten Quote von Gewalt gegen Frauen haben alle etwas gemeinsam. Eine niedrige Bildungsbote bei Frauen.' [...] 'Menschenrechte sind Frauenrechte und Frauenrechte sind Menschenrechte'. [...]

Ich denke, es ist kein Zufall, dass ausgerechnet eine Welle junger Menschen die Welt überschwemmt, um mit Nachdruck zum Handeln gegen die Klimakrise aufzurufen. Es ist auch kein Zufall, dass viele dieser Bewegungen von Frauen angeführt werden." (S.146)

"Als ich 2018 begann, mich über Klimawandel und Klimaaktivismus zu informieren, fiel mir auf, dass bei der weltweiten Fridays for Future–Bewegung vor allem Mädchen und junge Frauen an vorderster Front stehen. Diese Tatsache war für mich sehr inspirierend und erleichterte mir die Entscheidung, selbst Aktivisten zu werden. Ich sagte mir, wenn die das können, kann ich das auch. Wären die jungen Klimaaktivist*innen hauptsächlich männlich gewesen, wäre es mir ungleich schwerer gefallen, mich Ihnen anzuschließen und mich mit ihnen zu identifizieren." (S.147) "Für viele afrikanische Frauen und Mädchen, mich selbst eingeschlossen, ist die verstorbene Wangari Maathai aus Kenia, die erste Afrikanerin und erste Umweltschützerin, die je mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, ein eindringliches Rollenvorbild." (S.148)

(Vanessa Nakate: Unser Haus steht längst in Flammen. Warum Afrikas Stimme in der Klimakrise gehört werden muss. Rowohlt 2021)

mehr dazu:

Grete Thunberg: Das Klima-Buch

speziell: Frauen und die Klimakrise


Dienstag, 15. November 2022

Weshalb weiß man in Afrika mehr über den Regenwald in Brasilien als über die Regenwälder Afrikas?

Vanessa Nakate machte im Januar 2020, als sie beim Weltwirtschaftsforum in Davos bei einer Pressekonferenz mit Klimaaktivist*innen sprach, die Erfahrung, dass sie als einzige Schwarze aus dem von Associated Press veröffentlichten Foto herausgeschnitten worden war, und erklärte daraufhin: "  „Ihr habt nicht nur ein Foto gelöscht. Ihr habt einen Kontinent gelöscht.“[20] " (Wikipedia)

Dann wurde sie darauf aufmerksam, dass sie in keiner Weise ein Sonderfall war. Vielmehr weiß man in Afrika über viele Vorgänge, die in den USA und Europa vorgehen, mehr als über die Entwicklungen in Gesamtafrika. Das liegt an der Berichterstattung der großen Nachrichtenagenturen. So ist dort immer wieder über den Regenwald im Bereich des Amazonasbeckens die Rede. Die großen Regenwälder in Äquatorialguinea, in Gabun, im Kongobecken und in Zentralafrika kommen aber viel seltener vor. 

Ich als Mitglied der Redaktion der Nachbarschaft wusste nicht einmal, dass Gabun und Kamerun auch zu den Staaten gehören, über die sich das zentralafrikanische Regenwaldgebiet erstreckt. 

Vanessa Nakate reagierte, als sie sich über den afrikanischen Regenwald mit dem Kongobecken im Zentrum informiert hatte, mit der Gründung eine Organisation zum Schutz dieses Regenwaldes. In ihrem Buch schreibt sie darüber im Kapitel "Wir sind alle Afrika": 

"Ein Mann aus dem Publikum äußerte seine Verwirrung darüber, dass die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes weltweit verurteilt wurde – auch hier in Afrika –, dass aber niemand über die Zerstörung des Kongo-Regenwaldes redete." (S. 90)
"Das Kongobecken ist nach dem Amazonas-Regenwald das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Welt, auch bekannt als 'zweite Lunge' der Welt und besitzt genau wie der Amazonas eine reiche Biodiversität." (S.91)
"84 Prozent der Abholzung sind auf traditionelle Methoden wie Brandrodung zurückzuführen. Zwischen 2002 1014 wurde im Kongobecken eine Waldfläche größer als Bangladesch gerodet. Fatalerweise nahm die Abholzung im Jahr 2020 weltweit um 12 Prozent zu, auch in vielen Ländern der Kongobecken-Region und das, obwohl sich während der Corona– Pandemie die meisten Wirtschaften im Lockdown befanden. In der DRK, in Kamerun und der zentralafrikanischen Republik überstieg der Waldschwund im Jahr 2020 das Ausmaß von 2019. [...] Die Daten zeigen, dass sich zu viele Länder in die falsche Richtung bewegen." 
(S. 92)
"Ich hatte die Gelegenheit, meinen Kongo-Streik mit auf den Weltklimagipfel nach Madrid [2019] zu nehmen. [...] Nachdem ich mit ein paar anderen Aktivistinnen vergeblich den ugandischen Pavillon gesucht hatte, entdeckten wir den Pavillon der Demokratischen Republik Kongo. Ich unterhielt mich mit den Leuten, die dort Dienst hatten, über meine Streiks für den Kongo-Regenwald.
Ich stieß auf wenig Begeisterung. Sie bemühten sich, mir klarzumachen, dass ich, da ich schließlich weder in ihrem Land gewesen sei noch jemals den Regenwald besucht hatte, keinen Begriff von den Bedürfnissen der dortigen Bewohnerinnen hätte, geschweige denn von der Bedeutung der Weiterentwicklung für die Region Kongo. Die Kongolesen bräuchten ordentlich gebaute Häuser, sagte ein Mann, was ich dahingehend deutete, dass das Holz für die Errichtung dieser Häuser aus dem Regenwald kommen sollte. [...]
Es stimmt, ich bin nie im Kongo gewesen, und womöglich durchdringe ich die Entwicklungsbedürfnisse der Menschen im Kongobecken auch nicht vollständig. Trotzdem kann es nicht sinnvoll sein, die 'zweite Lunge' der Welt zu zerstören, um  Möbel, Palmöl, Baustoffe, Mineralien oder fossile Brennstoffe zu gewinnen. [...]
Auch ich bin der Meinung, dass es absurd ist, ein Individuum könnte als Sprecher*in eines ganzen Kontinents auftreten oder auch nur dafür gehalten werden. Trotzdem wurde ich nach der AP-Entscheidung, mich von dem Davos-Bild zu eliminieren, von so gut wie jeder und jedem Interviewpartner*in nicht nur nach den Auswirkungen des Klimawandels auf Uganda gefragt, sondern immer auch auf die Konsequenzen für andere Teile Afrikas angesprochen. [...]
Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass wir den Mund aufmachen müssen – 'um das Schweigen zu brechen' [...]. Ich sehe meine Rolle im Klimaschutz darin, Gespräche über Themen anzustoßen, über die viele Menschen noch nie gesprochen haben, und auf die zerstörerischen Strategien und Investitionen von Banken, Hedgefonds, multinationalen Konzernen und Regierungen aufmerksam zu machen, denen es allen am liebsten wäre, wir anderen hätten keine Ahnung, was sie im Schilde führen. [...] 
Kein Land, ganz egal wo, ist einfach nur ein Land. Was im Regenwald des Kongobeckens passiert, betrifft nicht nur die Menschen in Zentralafrika, sondern beeinflusst das Wettergeschehen weltweit. Die Klimakrise hält sich weder an geopolitische Grenzen noch ein politische Blöcke oder regionale Handelsverbände. Deshalb ist das, was im Kongo passiert, nicht nur Angelegenheit der Kongolesen oder ihre Nachbarn. Es geht uns alle an.

Und schließlich bin ich absolut der Meinung, dass wir auf unseren Plattformen mehr Diversität brauchen und mehr junge Aktivist*innen die Möglichkeit haben müssen, über Herausforderungen zu sprechen, mit denen ihre Heimatländer oder Regionen zu kämpfen haben. Jeder Aktivist*in hat eine Geschichte zu erzählen. Jede Geschichte birgt eine Lösung in sich. Und jede Lösung kann ein Leben verändern." (Vanessa Nakate: Unser Haus steht längst in Flammen. Warum Afrikas Stimme in der Klimakrise gehört werden muss. Rowohlt 2021, S.102-104)

Ein Schlaglicht auf die Geschichte des Kongobeckens

Montag, 14. November 2022

Wie der Klimastreik in die Schulen kam

 Weil in Uganda Demonstrationen sehr leicht verboten werden können und weil Schüler dort nur unter Gefahr der Entlassung von der Schule fern bleiben könnten und weil außerdem viele in ländlichen Internaten wohnen und deshalb kaum zu zentralen Demonstrationen kommen könnten, beschloss Vanessa Nakate, ihrerseits 

"die Klimastreiks in die Schule zu bringen, anstatt die Schüler*innen aufzurufen, den Unterricht zu schwänzen – der Klimawandel als Teil des Lehrplans, wie ich mir das für mich als junges Mädchen gewünscht hätte.

 Im März 2019 besuchte ich die Refverend John Foundation Primary School in Kampala und erzählte der Direktorin von meinem Plan, bei den Schüler*innen das Bewusstsein für die Klimathematik zu wecken und unsere Politiker*innen zum Handeln aufzufordern. Sie erlaubte mir, mit den Schüler*innen zu sprechen, und sogar, mit ihnen einen Streik zu organisieren. Ich war begeistert von der Offenheit und Kooperationsbereitschaft dieser Schule. Als ich in der folgenden Woche wieder kam, hatten die Lehrer*innen sich mit etwa einhundert Schüler*innen auf dem Schulgelände versammelt. ich erklärte den Kindern, dass ich für den Schutz der Bäume und unseres ganzen Planeten kämpfte; gegen Wegwerfprodukte aus Plastik protestierte, die aus fossilen Brennstoffe hergestellt sind; und auch, dass ich versuchte zu verhindern, dass immer mehr Menschen aus ihren überfluteten oder von Erdrutschen verschütteten Dörfern fliehen mussten. Ich versuchte, mich möglichst verständlich auszudrücken, und auch, auf Fachbegriffe zu verzichten. Am Ende brachte ich den Kindern noch einen der internationalen FFF-Protestrufen bei: 'What do we want? Climate Justice. When do we want it? Now.'
Die Lehrer*innen hatten offenbar keine Bedenken, dass das, was ich von mir gab, zu radikal oder staatsfeindlich war. Sie ermutigen die Kinder sogar, lauter zu rufen. Diese erste Veranstaltung wurde zum Modell für die vielen Klimabewusstwerdungsstreiks, die ich seither an unseren Schulen organisieren durfte." (Vanessa Nakate: Unser Haus steht längst in Flammen. Warum Afrikas Stimme in der Klimakrise gehört werden muss, Rowohlt Verlag 2021, S. 46/47)