Samstag, 24. Juni 2023

Ein Experiment: Persönliche Begegnung über alle Kulturgrenzen hinweg

 Die Wochenzeitung Die ZEIT hat in der Aktion "The World Talks" Tausende Menschen, die einander völlig fremd sind, dazu gebracht, ausführlicher miteinander zu sprechen.

https://www.zeit.de/2023/27/the-world-talks-frauen-tansania-norwegen

Es geht dabei darum, dass Menschen in völlig unterschiedlichen Lebenssituationen sich bereit erklären, miteinander zu sprechen, um die andere Person besser zu verstehen. Das soll dazu helfen, dass sie nicht nur eine andere Kultur besser verstehen, sondern darüber auch ganz allgemein lernen, wie man sich über Kulturgrenzen hinweg verstehen kann.

Das ist in großem Maßstab das, was sich in kleinerem Maßstab im Juli 2008 Evariste Fosong in Gabun und Franziska Götz in Deutschland mit dem "Magazin für internationalen Kulturaustausch Nachbarschaft" vorgenommen haben. Es begann mit hektographierten Blättern und wurde ab September 2009 auch ins Internet übertragen.

Weil wir die gleiche Zielsetzung verfolgen wie das Projekt der ZEIT, wollen wir den Bericht über das erste solche Gespräch (sieh ZEIT vom 22.6.23) hier vorstellen:

Der ZEIT-Artikel berichtet vom Gespräch einer 30-jährigen Frau aus Tansania mit einer 67-jährigen Frau aus Nordnorwegen, wo gegenwärtig die Mitternachtssonne scheint.

Junaice Mollel aus Tansania ist am 11.5.1993 am Stadtrand von Arusha in einem Stall geboren und über ein Ausbildungsprogramm für Teenager  aus mittellosen Familien, in der Fachrichtung Tourismus zur Hotelmanagerin in Arusha aufgestiegen.

Janicke Kernland, * 27. Juni 1966 in Park Ridge, Illinois, USA ist das Kind norwegischer Auswanderer, der Vater Berater für ein amerikanisches Metallunternehmen, die Mutter Journalistin. Janicke lebt jetzt in der Kleinstadt Mosjøen und ist Direktorin der dortigen Heimatmuseen.

Junaice hat ihren Geschwistern die Ausbildung finanziert, der Bruder wurde Polizist, die Schwester Lehrerin. Das hat sie durchgehalten, auch als sie während der Corona Zeit deutlich weniger verdiente, weil der Tourismus damals zusammen brach.

Möglich wurde das nur, weil sie ständig mehr als andere gearbeitet hat, um ihrer Familie zu helfen. Ihre Schulausbildung konnte dazu nur wenig beitragen. Ihre Klasse hatte 100 Schüler, der Schulweg dauerte eine Stunde hin und eine zurück. Hausaufgaben gab es keine, individuelle Förderung gar nicht. Als Leistungsantrieb hatte ihr Vater für sie Folgendes vorgesehen: Wenn sie am Ende des Halbjahres zu den zehn besten gehörte, bekam sie eine Cola und ein Stück Kuchen. Wenn sie schlechter war, gab es so viele Schläge, wie es dem Platz entsprach: 12 beim12. Platz, 13 beim 13. Als sie mit elf Jahren auf den 40. Platz kam, also 40 Schläge. Die wurden, weil sie noch jung war, auf vier Tage verteilt.

"Böse sei sie ihrem Vater deswegen nicht. Seine Kinder zu schlagen, sagt Junaice Mollel, sei in Tansania noch immer normal. 'Er hat einen Stock genommen, der nicht so wehtat.' Andere Dinge, die er tat, wiegen schwerer. Dass er manchmal mit härteren Gegenständen zuschlug, so fest, dass die Haut aufplatzte und Narben blieben. Dass er, nachdem er den kleinen Laden verkauft hatte, nicht mehr arbeiten wollte und Junaice und ihre Geschwister von der Hilfsorganisation World Vision ernährt werden mussten. [...] Und trotzdem, das sei ihr wichtig zu betonen, liebe sie ihren Vater, er sei ihr bester Freund und wichtigster Ansprechpartner. Fragt man Junaice Mollel, ob sie nie daran gedacht habe, mit ihm zu brechen, schaut sie einen verständnislos an. " (ZEIT 22.6.)

Janicke kannte in ihrem Leben keinen wirklichen Hunger. 

"Als sie aufwuchs, bedeutete Familie für sie nie etwas anderes als Geborgenheit und Freiheit. 'Mein Vater hat immer gesagt: Wenn dir etwas Spaß macht, dann bist du gut darin, und wenn du gut in etwas bist, dann wirst du immer Arbeit haben.' Ihre Eltern hätten ihr viel gegeben, sagt sie, aber auch viel gefordert. Was genau – schwer zu sagen. Vielleicht waren es die stillen Erwartungen, die eine Kindheit voller Chancen weckt: gute Noten schreiben, einen guten Job finden, glücklich werden.

Als sie 14 war, trennten sich die Eltern. Der Vater lernte eine Frau aus Hongkong kennen, die Mutter einen schwedischen Piloten. Patchworkfamilie, Stiefeltern, noch mehr Reisen: Abu Dhabi, Florida, die Bahamas, die Cayman Islands, das Great Barrier Reef. Alles, noch bevor Janicke Kernland 18 wurde. In New York heiratete sie ihren Jugendfreund. Danach wechselten sie mehrmals das Land, in dem sie arbeiteten. Mal im Interesse des Mannes, mal im Interesse der Frau. In Nordnorwegen in einem kleinen Ort Heimatmuseen zu betreuen, entspricht ganz ihrem Interesse.

Und in ihrer Freizeit fahren sie und ihr Mann am liebsten auf eine Insel: nur 10 Häuser, keine Straßen, kein fließend Wasser. Fast nur Birken, Felsen und ringsum Wasser. Möglichst viel Natur, möglichst wenig Zivilisation. 

Auf die Frage: Was macht Sie glücklich? antwortet Juanice: Meine Familie.

Janicke  antwortet: Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen. Dass es meinen Kindern gut geht. Ich liebe die Jahreszeiten. ...

Auf die Frage: Was macht sie unglücklich? sagt Junaice: Meine Familie zu verlieren

Janicke: Globale Instabilität. Klimawandel. Umweltverschmutzung. Der Platz, den wir Menschen einnehmen. Der Anstieg der Energiekosten und die Gehälter im Museum. ...

Zeit für eine kurze Reflexion: Junaice hat es in ihrem Leben viel schwerer gehabt als Janicke. Aber auf die Frage, was sie unglücklich macht, hat Janicke viel mehr zu sagen. Freilich auch auf die Frage, was sie glücklich macht. (Ihre beiden Antworten sind, um die Leser nicht zu langweilen, stark gekürzt.) Janickes Familie ist, schon als sie 14 war, zerbrochen. Weshalb erwähnt sie das nicht in ihrer langen Liste und schreibt erst erst nach vielem anderen: "Ich habe Angst, dass ich nicht genug für meine alternden Eltern tue." Warum?

"Das Leben in Norwegen war Anfang der Siebzigerjahre für viele Menschen noch schlicht und hart. Doch das sollte sich bald ändern. Denn man begann, in der Nordsee Öl und Gas zu fördern.

Rein materiell betrachtet ist zumindest Norwegen heute ein sehr viel besserer Ort als in der Vergangenheit. Sich selbst versorgt das Land fast ausschließlich mit nachhaltiger Energie aus Wind- und Wasserkraft. Das Öl und das Gas verkauft es ins Ausland, dort werden sie verbrannt, wodurch CO₂ in die Atmosphäre gelangt. Das ist schlecht fürs Klima, aber gut für die norwegische Wirtschaft. Die fossilen Energiequellen pumpen so viel Geld in den Staatshaushalt, dass sie den meisten Einwohnern ein gutes Leben ermöglichen. Die Schulen sind umsonst, die Universitäten und Büchereien. In einer durchschnittlichen norwegischen Grundschule kommen auf einen Lehrer 13 Kinder. Der Staat verwaltet für seine Bürger einen Pensionsfonds, über eine Billion Euro schwer, jeder Norweger und jede Norwegerin besitzt allein dadurch mehr als eine Viertelmillion Euro in Aktien und Anleihen.

Junaice Mollel in Tansania sieht von dem Geld natürlich nichts, sie ist schließlich keine Bürgerin Norwegens. Sie sieht etwas anderes: was das CO₂ mit ihrer Heimat macht. Sie sieht, wie der Schnee auf dem Kilimandscharo von Jahr zu Jahr weiter schmilzt. Wie der Victoriasee, Afrikas größter See überhaupt, austrocknet. Wie sich die Serengeti aufheizt, wie Ernten ausfallen und Starkregenfälle zunehmen und Malariamücken sich vermehren. Obwohl die Tansanier pro Kopf und Jahr nur 0,21 Tonnen CO₂ ausstoßen, spüren sie die Folgen des Klimawandels deutlich mehr als Janicke Kernland in Norwegen. Dort emittieren die Menschen trotz all der nachhaltigen Energie im Durchschnitt 7,57 Tonnen CO₂.

Junaice Mollel weiß nichts vom Reichtum Norwegens, von dessen Schatz aus Öl und Gas. Mit Klimapolitik, sagt sie, kenne sie sich nicht aus. Sie findet nur, dass die reichen Länder, die die Erde so verschmutzen, Ländern wie Tansania, die darunter leiden, helfen sollten. Darin ist sie sich mit Janicke Kernland einig, die sogar noch einen Schritt weiter geht. Ihrem Land gehe es gut genug, sagt sie, dem Klima ganz und gar nicht. Janicke Kernlands Forderung: Norwegen solle zwar nicht sofort die gesamte Ölförderung stoppen, aber keine neuen Felder mehr erschließen." (ZEIT vom 22.6.23)

Der Bericht wird in einem Folgebeitrag fortgesetzt.

Zur Rolle der Frau in Afrika vgl. auch den Blogartikel: Schwarz und Frau

Zu der Forderung, die reichen Länder sollten mehr für die Länder tun, die unter dem Klimawandel leiden, sieh in unserem Blog: Klimareparationen und in Greta Thunberg: "Das Klima-Buch".


Dienstag, 30. Mai 2023

Statt Stellvertreterkriegen Wettstreit um Prestigeobjekte

 Was man in deutschen Zeitungen über Kamerun liest

Gedrängel um Afrikas Prestigeobjekte Frankfurter Rundschau 30.5.2023

Der Viehtransport durch den Logone Fluss wird für den Bootsmann Mbatua nicht mehr lange ein einträgliches Geschäft sein. In der Trockenzeit bekommt er für jedes Rind, das er durch den Fluss treibt, 10 Cent, doch in der Regenzeit einen Euro. Das ist ein mühsames und riskantes, aber auch einträgliches Geschäft, wenn er in Stoßzeiten mit seinen Helfern bis zu 1000 Rinder am Tag durch den Fluss treibt. Sonst ist sein Fährdienst über den Longone zwischen Kamerun und Tschad gefragt, aber nicht mehr lange.

Für 114 Millionen Euro soll eine Brücke über den Fluss gebaut werden. Dies Projekt soll zum Aushängeschild  des im Dezember 2021 angelaufenen „Global Gateway“-Programms der EU werden. "Im Rahmen des Mega-Plans will die EU innerhalb von sechs Jahren weltweit 300 Milliarden Euro vor allem in Infrastruktur-Vorhaben leiten – wobei es sich um Hilfsgeld, günstige Darlehen oder auch um Investitionen von Privatunternehmen handeln kann. Das globale Konzept, das vom „Team Europa“ – der EU, den Regierungen der Mitgliedstaaten sowie den Entwicklungsbanken verantwortet wird – soll der Verdrängung und Zersplitterung der europäischen Akteure in Afrika sowie ihrer mangelhaften Reputation entgegenwirken. „Wir leiden unter einem Sichtbarkeits- und Anerkennungs-Defizit“, klagt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU): „Viel zu lange scheuten wir vor harten und sichtbaren Infrastrukturprojekten zurück, und überließen den Chinesen das Feld.“

Niemand macht ein Geheimnis daraus, dass das ehrgeizige Programm als Europas Antwort auf das chinesische Jahrhundert-Projekt „One Belt one Road“ zu verstehen ist. In dessen Rahmen will das Reich der Mitte bis zum 100. Geburtstag der Kommunistischen Partei Chinas im Jahr 2049 weltweit bis zu acht Billionen Dollar in den Ausbau der Infrastruktur pumpen. Das dient vor allem dem Zweck, die Handelswege sowohl für aus China exportierte Waren wie für nach China gelieferte Rohstoffe auszubauen. An Pekings Programm sind mehr als 150 Staaten beteiligt, über eine Billion Dollar hat das Reich der Mitte bereits in den Bau von Straßen, Brücken, Eisenbahnlinien und Häfen sowie die Verlegung von Glasfaserkabeln investiert.

Pekings Geschäftigkeit brachte die EU-Beamten in Brüssel in Zugzwang. Derzeit tobe ein neuer „Scramble for Africa“, erklärt der EU-Botschafter in Kamerun, Philippe van Damme: Der Jahrzehnte lang an den Rand gedrängte Kontinent ist plötzlich wieder en vogue geworden. Als erstes „Gedrängel um Afrika“ ging die im 19. Jahrhundert vollzogene Aufteilung Afrikas durch die europäischen Kolonialnationen in die Geschichte ein – seitdem hat sich die Herkunft der Drängler verändert. Inzwischen treten vor allem China, aber auch Indien, arabische Länder und die Türkei als Drängler in Erscheinung: Die europäischen Ex-Konkurrenten tun sich zusammen, um bei der Umwerbung des letzten noch weitgehend unentwickelten Marktes nicht ganz verdrängt zu werden. [...] Zumindest in den Augen der Europäer geht es schließlich auch um einen Wettstreit der Systeme, um Demokratie statt Diktatur der Partei, um gute Regierungsführung, Transparenz und das Wohl der Bevölkerung. 

Die Verbindung über den Logone-Fluss sei deshalb mehr als nur ein großes Stück Beton, sagt Botschafter van Damme: „Sie ist eine Metapher.“ Ein Sinnbild für Bündelung, Vernetzung und Verbundenheit – mächtige Worte, für die das Global-Gateway-Programm stehe und das es von seinem chinesischen Pendant abheben soll. Europas Staatenbund identifizierte 14 „Korridore“, die als Rückgrat des neuen Konzepts gelten, davon elf in Afrika. Eine der Verbindungen, der „Libreville-N’Djamena-Korridor“, soll Gabuns Hauptstadt der des Tschad näherbringen – und irgendwann sogar den Westen des Kontinents mit dem Osten verbinden. [...] 

Außer der Brücke bei Yaguao gehören zum Libreville-N’Djamena-Korridor-Projekt auch der Ausbau der Straße von Libreville über Douala nach Yaoundé, die Beseitigung des notorischen Verkehrschaos in Kameruns Hauptstadt durch eine Umgehungsstraße und die Einführung eines öffentlichen Nahverkehr-Systems sowie der Ausbau der Straße im Tschad bis zur Hauptstadt N’Djamena."

Den Mitarbeitern der "Nachbarschaft" kann solch ein Projekt nicht gleichgültig sein. Schließlich stand am Beginn des Nachbarschaftsprojekts vor 15 Jahren die Zusammenarbeit zwischen Schulen Gabuns, Kameruns und der Elfenbeinküste.

Beim Global Gateway-Programm wird positiv gesehen, dass die europäischen Interessen deutlich ausgesprochen werden. freilich wird auch kritisch angemerkt, dass noch nicht gesichert ist, dass es auch den Bewohnern vor Ort hilft und dass es zur nachhaltigen Entwicklung der Partnerländer beiträgt. 

Donnerstag, 18. Mai 2023

60 Jahre seit Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit

 "Die Organisation für Afrikanische Einheit [...] war eine von 1963 bis 2002 bestehende Organisation fast aller afrikanischer Staaten. [...]

Auf der 30. Versammlung ihrer OAU-Regierungsrepräsentanten vom 13. bis 15. Juni 1994 in Tunis schöpften die Vertreter infolge des Endes der Apartheidsära in Südafrika Hoffnung, dass die Organisation nun eine wachsende Wirksamkeit auf dem afrikanischen Kontinent entfalten könne.[5] Südafrika nahm hier erstmals an einer OAU-Sitzung teil und wurde das 53. Mitglied. Das Land setzte sich auf diesem Wege aktiv zu Gunsten eines Vertrages für eine atomwaffenfreie Zone in Afrika (Vertrag von Pelindaba) ein.[6][7]

Mit dem Constitutive Act of the African Union vom 8. September 2000 war das Ende der OAU offiziell besiegelt. Die Sirte-Deklaration der OAU vom 9. September 1999 wies hierzu den Weg. Darin hieß es: „Establish an African Union in conformity with the ultimate objectives of the Charter of our Continental Organisation and the provisions of the Treaty establishing the African Economic Community.“ (deutsch etwa: Einrichtung einer Afrikanischen Union in Verbindung mit den Zielen der Charta unserer kontinentalen Organisation und den Bestimmungen des Vertrags zur Gründung der Afrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft.). Der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi hatte zu diesem 4. Sondergipfel eingeladen, um die Effizienz der Organisation zu verbessern.[6](Organisation für Afrikanische EinheitWikipedia)


"Als Frantz Fanon, der Vordenker der antikolonialen Revolution, im Sommer 1960 durch Westafrika reist, blickt er voller Sorge auf den Kontinent – dabei ist es das große Jahr des Aufbruchs. Nicht weniger als 17 Kolonien südlich der Sahara erlangen 1960 ihre Unabhängigkeit. Doch Fanon sieht nicht Freiheit und Hoffnung. Er sieht nationale Bourgeoisien an der Macht, die Politik betreiben "wie ein Geschäft", die plündern und rauben. Die unzufriedenen Arbeiter, notiert er, "unterliegen einer ebenso erbarmungslosen Unterdrückung wie in den kolonialen Zeiten". [...]

Viele afrikanische Politiker sahen sich an die Peripherie der globalen Ordnung verbannt. "Isolation", schreibt der Hamburger Historiker Michael Pesek, "war das Schreckgespenst, das über manchem afrikanischen Präsidentenpalast hing." Die Regierenden wussten: Allein blieben sie machtlos. "Zu schwach und fragil waren die Staatlichkeit im Inneren und die Position auf den internationalen Bühnen." So begann die Suche nach Alliierten auf dem eigenen Kontinent.
Ghanas Präsident Kwame Nkrumah übernahm auch hier die Führung: Um 1960 wechselte er die Tonlage – vom Bass der nationalen Befreiung zu einem antiimperialistischen Tenor. Die vielen neuen Unabhängigkeitserklärungen boten in seinen Augen die Chance einer panafrikanischen Revolution. Nkrumah träumte von einer radikalen Umgestaltung des Kontinents, ja der globalen Nachkriegsordnung. 
 Mit seinem Führungsanspruch stieß er allerdings auch auf Widerstand – etwa des großen und bevölkerungsreichen Nigeria und vieler frankophoner Staaten. Streitpunkt Nummer eins war die Frage, wie weit sich Afrika von der europäischen Herrschaft lösen solle. So unterstützten etwa nicht alle den algerischen Befreiungskampf: Die Staaten, die auf französische Wirtschaftshilfe hofften, wollten sich lieber nicht mit dem mächtigen Patron in Paris anlegen. [...]
Die Republik Kongo war am 30. Juni 1960 von Belgien unabhängig geworden. Weniger als zwei Wochen später spaltete sich das Land: Die an Bodenschätzen reiche Provinz Katanga erklärte unter Moïse Tschombé ihre Eigenständigkeit – unterstützt von der früheren belgischen Kolonialmacht. [...] *
Afrika zerfiel infolge der Kongo-Krise in eine Vielzahl politischer Lager. Einige Länder standen fest aufseiten des Westens, Kenia und die Elfenbeinküste etwa. Andere, wie Guinea, lehnten sich an die Sowjetunion an. Wieder andere versuchten, sich alle Optionen offenzuhalten, und orientierten sich mal so, mal so, oder strebten, wie Julius Nyerere in Tansania, eine unabhängige, blockfreie Position an.
Diese ideologische Spaltung sei ein Hindernis für die Entwicklung des ganzen Kontinents, sie öffne dem Kalten Krieg Tür und Tor, klagten alsbald Politiker wie Félix Houphouët-Boigny (Elfenbeinküste) und Modibo Keïta (Mali), die zuvor noch heftig zerstritten waren. Ihre Aufrufe ebneten den Weg zur Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit. Vor 60 Jahren, am 25. Mai 1963, begann in Addis Abeba die Gründungskonferenz. [...]
Wie auf dem Aufbruch von 1960 lasteten auf dem von 1963 schwere Hypotheken. Westlichen Beobachtern galt die in Addis Abeba tagende Organisation bald als bloßer "Diktatorenclub", der nicht in der Lage sei, Afrikas Probleme anzugehen. [...]
2002 wurde, maßgeblich auf Betreiben des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi, die Afrikanische Union (AU) als Nachfolgerin der OAU ins Leben gerufen. Sie soll, neben der Wahrung des Friedens, Afrika vor allem wirtschaftlich voranbringen. [...]
60 Jahre nach der Gründung der Organisation for African Unity sind die Fliehkräfte, die auf den Kontinent einwirken, so stark wie lange nicht. China und Russland bauen ihren Einfluss aus, und auch Europa hat erkannt, wie wichtig Afrikas Zukunft ist. [...]"
(Andreas EckertSie hatten einen Traum, ZEIT Nr.21 17.5.23, S.17)

* mehr dazu sieh: Rede des Lumumba 

Montag, 8. Mai 2023

Buchvorstellung: Afrika und die Entstehung der modernen Welt

 Howard W. FrenchAfrika und die Entstehung der modernen Welt

Verlagstext:

In dieser fesselnden Darstellung erkundet Howard W. French die zentrale, aber absichtlich vernachlässigte Rolle Afrikas und der Afrikaner bei der Entstehung von Wirtschaftssystemen und politischem Denken unserer modernen Welt. Souverän und aufrüttelnd zeigt der Autor, wie die tragische Beziehung zwischen Afrika und Europa, die im 15. Jahrhundert begann, unsere Moderne hervorbrachte.

Die Geschichte Afrikas ist lange in die entlegendsten Winkel unserer globalen Geschichte verbannt worden. Doch was ist, wenn wir statt dessen Afrika und die Afrikaner in den Mittelpunkt unseres Denkens über die Ursprünge der Moderne stellen? In einer mitreißenden Darstellung, die mehr als sechs Jahrhunderte umspannt, deutet Howard W. French die Erzählung vom mittelalterlichen und ins Licht der Geschichte tretenden Afrika grundlegend neu. Dabei zeigt er, wie der ökonomische Aufstieg Europas und die Verankerung der Demokratie im Westen ebenso wie die Durchsetzung der so genannten Ideale der Aufklärung aus Europas entmenschlichendem Umgang mit dem »schwarzen« Kontinent erwuchsen. In packenden Schilderungen spürt der Autor den Lebensläufen wichtiger afrikanischer Persönlichkeiten nach: von unvorstellbar reichen mittelalterlichen Kaisern, die mit dem Nahen Osten und darüber hinaus Handel trieben, über die Stammesfürsten des Kongo, die den europäischen Mächten im 17. Jahrhundert heldenhaft die Stirn boten, bis hin zu den ehemaligen Sklaven, die die Haitianer aus der Leibeigenschaft befreiten und dem Lauf der Geschichte eine andere Richtung gaben. Eine kraftvolle Neudeutung der Weltgeschichte, deren neues Verständnis unserer gemeinsamen Geschichte uns auffordert, sich dieser Vergangenheit zu stellen, um eine andere Zukunft gestalten zu können.

»Howard Frenchs Buch ist die unglaublich wichtige Neuerzählung einer Geschichte, von der Afrika und die Afrikaner lange bewusst ausgeschlossen wurden: Das Buch macht ihre Rolle als Hauptakteure bei der Entstehung der Moderne sichtbar – eine unentbehrliche Lektüre für alle, die sich für Weltgeschichte interessieren.« Amitav Ghosh, Autor von »Die Inseln« und der Ibis-Trilogie

Rezensionen bei Perlentaucher

LeseprobeDaraus: "[...] Nicht Europas Sehnsucht nach engeren Verbindungen mit Asien, wie so viele von uns in der Schule gelernt haben, stieß anfänglich das Zeitalter der Entdeckungen an, sondern vielmehr der jahrhundertealte Wunsch des Kontinents, Handelsbeziehungen zu sagenhaft reichen Schwarzen Gesellschaften zu knüpfen, die sich irgendwo im Herzen des »dunkelsten« Westafrika verbargen. Die berühmtesten Seefahrer der Iberischen Halbinsel sammelten ihre Erfahrungen nicht, während sie nach einem Seeweg nach Asien suchten, sondern vielmehr beim Erforschen der Küste Westafrikas. [...] Lange bevor er seine Expeditionen im Dienste Spaniens ausrüstete, hatte Kolumbus, ein Italiener aus Genua, mit dem Segelschiff Europas ersten großen befestigten Außenposten in Übersee – Elmina im heutigen Ghana – mit Lebensmitteln versorgt. Europas Expeditionen nach Westafrika in der Mitte des 15. Jahrhunderts waren damit verbunden, nach den Quellen des ungeheuren Goldreichtums dieser Region zu suchen. Und es war der gewaltige Handel mit diesem Edelmetall, das die Portugiesen 1471 entdeckt und sich durch den Bau des Forts in Elmina 1482 gesichert hatten, der da Gamas spätere Entdeckungsmission nach Asien mitfinanzierte. Der Goldregen ermöglichte es Lissabon, bis dahin ein kleines und mittelloses europäisches Königreich, seinen Nachbarn zuvorzukommen und den Lauf der Weltgeschichte radikal zu ändern. 

Bartolomeu Dias, ein weiterer regelmäßiger Besucher in Elmina, umrundete 1488 Afrikas Kap der Guten Hoffnung und bewies damit die Existenz eines Seewegs in den Indischen Ozean. Und doch gab es fast ein Jahrzehnt danach keinen einzigen Versuch, Asien auf diesem Weg zu erreichen – bis da Gama schließlich nach Kalikut segelte. Die Geschichtsforschung über diese Ära ikonischer Entdeckungen hüllt sich nicht nur über jenes Jahrzehnt, sondern auch über die fast drei Dekaden von der Ankunft der Portugiesen in Elmina bis zu ihrer Landung in Indien in tiefes Schweigen. Dabei wurden in diesem Moment, in dem Europa und das heute sogenannte subsaharische Afrika in einen dauerhaften intensiven Kontakt traten, die Fundamente des modernen Zeitalters gelegt. [...]"

Atlantischer Dreieckshandel (das Modell und die Kritik daran)

Freitag, 5. Mai 2023

Tsitsi Dangarembga: Schwarz und Frau

Interview


Das Thema Ihres neuen Buches „Schwarz und Frau. Reflexionen über die postkoloniale Gesellschaft“ sind die Ungleichheiten, die weltweit zwischen Männern und Frauen bestehen. Manche sagen, der Feminismus sei gescheitert.

Es ist richtig, dass schwarze Feministinnen eine kleine, oft bekämpfte Gruppe sind. Für Augenblicke der Bestätigung in ihrem Kampf um Gleichberechtigung müssen die Frauen hart kämpfen. Auch wenn die Mehrheit der Frauen weltweit durch patriarchale Strukturen marginalisiert wird, glaube ich nicht, dass der Feminismus gescheitert ist. Ich denke, was der Feminismus getan hat, ist, dass er eine Möglichkeit geschaffen hat, sich eine andere Welt vorzustellen. Die Vorstellungskraft ist die Quelle des Handelns, und weil wir uns eine andere Welt vorstellen können, können wir für sie handeln. Die Ideen des Feminismus reisen um die Welt, also denke ich, wir befinden uns in einem Prozess der Verbindung vieler Ideen, einschließlich feministischer. Viele junge farbige Frauen aus Afrika, auf dem Kontinent und außerhalb des Kontinents, vertreten selbstbewusst ihre Vorstellungen. Die Welt hat sich verändert, das Internet macht es einfacher, Ideen zu verbreiten, so dass feministisches Gedankengut viel leichter zirkulieren kann.

Sie schreiben in Ihrem Buch über ein erschütterndes Ereignis in Ihrem Leben: Kinder aus Simbabwe wurden nach England gebracht, wo sie in Pflegefamilien aufwuchsen. Das scheint System gehabt zu haben. Auch Sie und Ihr Bruder waren davon betroffen. Wie fühlen Sie sich dabei?

Als ich für das Buch recherchierte, dachte ich zunächst nicht daran, dass es System haben könnte. Es ging um Menschen, die aus Sicht des britischen Imperiums intelligent genug erschienen, zu studieren. Sie wurden nach England gebracht, um später für das Imperium nützlich sein zu können. So verlangte man von meinen Eltern, ihr Zuhause in Südrhodesien zu verlassen. Sie mussten nach London gehen, wo sie ein Stipendium für eine Ausbildung erhalten hatten. Meine Eltern gaben mich in eine Pflegefamilie, in der ich aufwuchs. Ich blieb in der Obhut dieser Menschen. Es war, als würde eine Guillotine auf mich fallen. Ich galt als „schwieriges Kind“. Als ich bei meiner Pflegefamilie lebte, erzählte mir meine Pflegemutter  immer von den anderen Kindern aus Afrika, die sie bereits aufgenommen hatte. Ich wusste also, dass so etwas passierte. Was ich aber nicht wusste, war, dass es ein System war, das vom Kolonialamt eingerichtet worden war, um bestimmte Menschen in den Kolonien zu besseren Interessensvertretern des Imperiums auszubilden. Das habe ich erst bei meinen Recherchen für das Buch herausgefunden. [...]

Der Kolonialismus hat meine Familie auseinandergerissen. Mein Bruder und ich haben aufgrund unserer Erfahrungen bis heute Trennungsängste. Das Zugehörigkeitsgefühl ist gestört, es ist sehr schwer, sich zu Hause zu fühlen, egal wo man ist. Es gibt immer etwas, das einen als untypisch kennzeichnet. Und das ist nicht die einfachste Situation, mit der man leben kann. Ich glaube, dass die meisten Menschen den Wunsch haben, zu einer Gruppe zu gehören, und deshalb ist es eine existenzielle Belastung, wenn man ein Zeichen trägt, das einen als nicht zugehörig kennzeichnet. Ich lebte in einer Gesellschaft, die mich als Mängelwesen konstruierte, als jemanden, der erst ein ganzer Mensch werden musste. Aber es war klar, dass ich diesen Status nie erreichen würde, weil ich einen schwarzen Körper habe. [...]

Die Kolonialzeit hat die Strukturen der Wirtschaft geschaffen, es ist wie ein geistiges Gebäude, das immer in dieser Wirtschaftslandschaft sein wird. Das globale System hat sich ja nicht wirklich geändert, denn wenn man sich China anschaut, dann produzieren die Chinesen im Grunde für diese Niedrigpreiswirtschaft des globalen Nordwestens. Ob sich das ändern wird oder nicht, bevor wir den Planeten komplett zerstören, ist eine offene Frage. Es gab früher Varianten kolonialer Gewalt, man verschleppte die Körper, um sie als Arbeitskräfte auszubeuten. Dann wurden die Rohstoffe ausgebeutet. Was wir jetzt erleben, ist der Braindrain: Das geistige Kapital wird den Ländern in Afrika entzogen. Zum Ressourcenabfluss aus Afrika kommt jetzt China hinzu. Der Überbau, der in der Kolonialzeit in die sozioökonomischen Systeme exportiert wurde, besteht heute weiter. Er ist einer der Gründe für die massive soziale Ungleichheit in den Ländern. Es gibt eine Art Mentalkolonisierung, von der schon Bob Marley sprach, eine Art mentaler Sklaverei. [...]"

("Es gibt eine Art mentaler Sklaverei", FR 27.4.2023)

Tsitsi DangarembgaSchwarz und Frau. Gedanken zur postkolonialen Gesellschaft.

Rezension des Buches bei dem Kulturmagazin Perlentaucher:

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.03.2023

Rezensent Fridtjof Küchemann blieb die Luft weg, als er die drei Essays von Tsitsi Dangarembga las. Das liegt zum einen, schreibt der Rezensent, an der vortrefflichen Analyse der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Simbabwe unter Präsident Robert Mugabe, andererseits an den erschütternden Beschreibungen von Dangarembgas Kindheit in Großbritannien, der einstigen Kolonialmacht. Die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, die im vergangenen Herbst in Abwesenheit in ihrem Heimatland zu einer Gefängnisstrafe wegen Aufrührerei verurteilt wurde, weite in den Texten den Blick für die nach wie vor herrschende Politik von Ausgrenzung und Unterdrückung von People of Colour, findet der beeindruckte Küchemann: Dies mache  die Lektüre über den Status Quo von dekolonialistischem Engagement besonders interessant. Wie sich im Politischen das Persönliche spiegele sei selten so deutlich geworden, wie in diesem Buch.

Man kann einen Widerspruch darin sehen, dass beklagt wird, dass Kinder nach Europa gebracht wurden, während heute Flüchtlinge nach Europa wollen und sich darüber beklagen, wenn sie abgewiesen werden.
Andererseits ist beiden Situationen eins gemeinsam: es wird durch die Europäer, die Kolonisatoren, entschieden, und der Wille der Afrikaner wird missachtet.
Wir laden zu Kommentaren ein, werden aber auch eigene Kommentare dazu abgeben. 
Falls die Kommentarfunktion des Blogs bei Ihnen nicht funktionieren sollte, können Sie Ihren Kommentar aber auch gern an walterboehme(at)gmail.com senden.

Dienstag, 21. März 2023

Seminar des Goethe-Instituts zu LearningApps: Sitzung "Gesundheitstipps geben"

 William Chantcho hat in unserem Blog schon über viele Veranstaltungen des Goethe-Instituts in Jaunde in Kamerun berichtet. Gegenwärtig ist er leider verhindert. Daher habe ich die ehrenvolle Aufgabe übernommen, ihn zu vertreten. Das ist zum Glück möglich, weil gegenwärtig online Veranstaltungen stattfinden. 

Die erste, bei der es mir gelungen ist, war das Seminar "Gesundheitstipps geben" am 15.03.2023 mit den Referentinnen: Carine LEUGOUE und Pamela Sonia ANKOUME. Die Moderation hatte Nadège TCHUINANG. 

Dank eines Angebots des Goethe-Instituts konnte ich erstmals an einer Seminarsitzung in Kamerun teilnehmen. Natürlich online beim Goethe-Institut Jaunde. Ich durfte in das laufende Seminar zu LearningApps einsteigen

Die Sitzung vom 15.03.2023 mit den Referentinnen: Carine LEUGOUE und Pamela Sonia ANKOUME stand unter der Überschrift  "Gesundheitstipps geben". Die Moderation hatte Nadège TCHUINANG.  

Die Sitzung baute auf mehreren vorhergehenden Sitzungen auf, in denen die Werkzeuge, die LearningApps bietet, vorgestellt worden waren. So folgte auf Begrüßung und die Vorstellung der Seminarziele (Kennenlernen von LearningApps und Beispielen für ihren Einsatz im Unterricht) gleich die Wiederholung zu LearningApps. Anhand einer Tabelle sollte angegeben werden, welche Eigenschaften das Werkzeug hat.                                                                          
Darauf ging es an das Beispiel für den Einsatz im Unterricht: COVID19.
Dabei sollte das Instrument Answergarden eingesetzt werden. Es wurden Fotos gezeigt, die sinnvolle bzw. gefährliche Verhaltensweisen während der Pandemie zeigten (aus Copyrightgründen hier nicht gezeigt) und zu denen passende Beschreibungen und Bewertungen hinzugefügt werden sollten, die sich dann mit dem Bild verbanden und dann auf der Seite hin- und hergeschoben werden konnten. (Prompt habe ich ein Bild falsch gedeutet. Extrem einfach war die Aufgabe also nicht.)

Jetzt ging es darum diese Aufgabenstellung zu bewerten. Damit genügend Zeit für die Reflexion blieb und auch ein Austausch in Gruppen möglich war, war diese Sitzung gegenüber den bisher üblichen auf 45 Minuten verlängert. 

Für mich war es eine nützliche Erfahrung, als Teilnehmer zu merken, dass es gar nicht so leicht ist, immer wieder von einem Werkzeug zum anderen zu wechseln, und was wir unseren Schülern beim internetgestützten Unterricht zumuten. 


Die Auswertung war am Ende der Sitzung noch nicht ganz abgeschlossen, konnte aber noch auf der hier gezeigten Seite im Padlet (sieh auch Wikipedia) nachgetragen werden.

Dies Seminar war mir (da ich meinen Schuldienst vor Beginn der Corona-Pandemie beendet habe) in vieler Hinsicht lehrreich. Erstmals habe ich die Schwierigkeiten, die sich bei internetgestütztem Unterricht für Lehrer wie Schüler ergeben, kennengelernt. Dass eine gute Verbindung dabei höchst wichtig ist, ist klar, dass sie in Afrika noch weit schwieriger zu realisieren ist als in Deutschland, legt sich nahe.
Umso mehr hat mir imponiert, wie viel geschickter die afrikanischen Teilnehmer*innen und Kursleiter*innen sich dabei angestellt haben als ich. Übrigens mit einer Ausnahme außer mir war nur einer männlich.
Und eine ganz wichtige Lehre möchte ich dabei besonders hervorheben: Weltweites Lernen ist möglich, und alte weiße Männer können sich besonders in Zeiten des Klimawandels Afrikaner*innen dabei zum Vorbild nehmen. 

Sonntag, 5. Februar 2023

Begräbnisriten im Lande der Bamileke im Westen Kameruns

Tod, Trauer und Trost sind meistens die bedeutendsten Wörter, wenn ein Mensch unsere Welt verlässt. Ein Verstorbener hat immer einen hervorragenden Platz im Herzen der noch lebenden Menschen in Afrika ganz allgemein und besonders bei den Bamilekes im Westen Kameruns. Nach dem Tod gibt es bestimmte Rituale, um dem/der Verstorbenen einen ehrwürdigen Abschied zu geben. 



Schon in der Vergangenheit haben die frühen Menschen ihre Toten in verschiedener Form gewürdigt. Bevor mit der Beerdigung die sterblichen Überreste ins Grab gelegt werden, gibt es bei den Bamilekes etwa zehn Tage, an denen besonders die Frauen und Kinder heftig weinen und auf Matratzen auf dem Boden schlafen. Die ganze Familie, bzw. die Verwandten müssen sich mehrmals versammeln, um das Begräbnissprogramm zu erstellen. Nach der Totenwache in der Stadt wird manchmal die Leiche ins Heimatdorf geführt. 



Bei den verschiedenen Grabreden durch Familienmitglieder, Bekannte und andere treten traditionelle Tänzer mit besonderen Gewändern auf, um die authentischen kulturellen Werte der Bamilekes zu demonstrieren. 

Bei dieser Gelegenheit wird dem Publikum der/die Nachfolger*in vorgestellt. Er (Sie) wird unter den Kindern des/der Verstorbenen nach seinem/ihrem Testament ausgewählt und hat als Hauptaufgabe, die Werke des/der Verstorbenen zu verewigen. 



Die Witwe muss ihrerseits bestimmte rituale Akte ausführen, nämlich mehrere Tage auf dem Boden schlafen, sich die Kopfhaare abrasieren lassen und ein ganzes Jahr lang nur weiße oder dunkelblaue Kleidung mit Kopftüchern tragen. Nach mindestens einem Jahr werden noch einmal Begräbniszeremonien zum Gedenken an die Verstorbenen veranstaltet.

                                               William CHANTCHO, Douala